Hallo liebe Leipziger, wir kommen in Euer fröhliches Städtchen. Am 9.9.2012 um 18:00 Uhr lese ich mit Herrn Krätschell im Pilot in der Bosestr. 1. Weitere Infos unter: KINDERVATTERvsKRÄTSCHELL
Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für Kindervatter.
Kommt auf die Lesungen! Termine findet Ihr unter www.lesungen.wordpress.com
Um den Veranstaltungen nicht die Spannung zu nehmen, stelle ich für die Dauer der Tour, bis auf die letzten beiden, alle Texte offline. Bitte habt Verständnis.

Unsere Nachbarn in Frankreich demonstrieren gerne. Jede noch so kleine Einschränkung der bestehenden Lebensqualität durch den Testosteronpräsidenten straft der gemeine Franzose mit gezielter Arbeitsniederlegung. Marianne, meine Freundin aus Paris, lebt zwar im Berliner Exil, dennoch entflammt ihr sozial-patriotisches Herz, wenn zwischen Normandie und Provence der Milchpreis dermaßen sinkt, dass die Bauern sich die Gänsestopfleber fürs Abendbrot nicht mehr leisten können. Sie fühlt sich dann berufen ihre Landsleute aus der Ferne zu unterstützen und legt ebenfalls die Arbeit nieder – zumindest die unbezahlte. In ihrer Firma in Mitte hätte man kein Verständnis für ihre Solidarität mit den Milchbauern und so sehe sie keine andere Möglichkeit, so erklärt sie mir, als ihren Anteil an der Hausarbeit niederzulegen. Ich müsse diesen symbolischen Akt respektieren, wenn ich sie lieben würde, meint sie. So kommt es daher regelmäßig dazu, dass ich nach zehn Stunden in der Medienbranche, französische Söckchen zum Trocknen aufhänge, Bettwäsche wechsle und das Essen zubereite, während Marianne auf der Internetseite von ‘Le Monde’ die Lage in Paris verfolgt.
“Du setzt disch für nischts ein, was?”, fragt Marianne.
“Natürlich setze ich mich für etwas ein! Ich gebe jedem Punk in meiner Nachbarschaft, der mich fragt, einen Euro oder eine Zigarette.”
Das kostet mich im Monat etwa 20 Euro und eine Schachtel Kippen. Wenn die Punks in meiner Straße rumhängen, bleibt der Attraktivitätsgrad der Wohngegend dementsprechend stabil und niemand kommt auf die Idee hier irgendwas zu investieren oder gar meine Miete zu erhöhen. Bei einer durchschnittlichen Mieterhöhung von fünf Prozent wäre ich bereits fünfunddreißig Euro monatlich los und würde, wahrscheinlich aus Frust, auch noch anfangen selbst zu rauchen.
“Das reischt nischt”, meint Marianne, “vielleischt solltest Du disch auch einmal ernsthaft mit deinem Kiez auseinandersetzen.”
Ich liebe es, wenn sie Kiez sagt. Wir wohnen in Berlin-Friedrichshain, einer ehemaligen Hochburg der linken Szene mit allerlei Hausbesetzern, Künstlern, Trinkern und sonstigen Gestalten, die langsam, aber sicher der Gentrifizierung zum Opfer fallen und in die entlegenen Stadtteile außerhalb des S-Bahn-Rings ziehen müssen.
Ein Flyer flattert in meinen Briefkasten. ‘Liebigstraße 14 bleibt’, steht in einer Pinselschrift darauf nebst dem Hinweis zum heutigen Protestmarsch durch den Bezirk. Anscheinend schlägt der Kapitalismus mit einer Besetzerhausräumung zu, um weiteren Platz für süddeutsche Gesellschaftsaussteiger zu schaffen. Ich spüre in mir die Unart reifen, gegen die Zugezogenen, die nach mir kommen, zu protestieren. Gleichzeitig ist die Demo für mich aber auch ein Ticket zur Bewunderung durch meine basisdemokratische Freundin. Marianne ist bei einem Xing-Treffen der Gruppe “Franzosen in Berlin”. Ich beschließe, sie mit einem Anruf aus dem Gefängnis von meinem Lokalengagement zu überzeugen. Ich schaue aus dem Küchenfenster aufs Alkimeter. Je nach Außentemperatur versammelt sich vor dem Späti gegenüber eine Anzahl junger Männer, um gemeinschaftlich ein paar Sternbug Pils Export zu trinken. Ein durstiger Mann – ein Grad, zwei durstige Männer – zwei Grad und so weiter. Im Bereich zwischen einem und 20 Grad ist das Alkimeter genauer als das digitale Ding, das mir meine Mutter zum Einzug geschenkt hat. Außerhalb dieses Temperaturbereichs zeigt das Messinstrument allerdings einen exponentiellen Wert an. Im Hochsommer stehen dort an die fünfzig durstige Männer. Heute sind es fünf.
Warm eingepackt komme ich am Treffpunkt Boxhagener Platz an. Es ist schon eine Menge los. Polizeimannschaften, Jusos, Grüne, die Kids von der Antifa, einige Kiezanwohner sowie an die tausend Studenten und Studentinnen der Fotografie im ersten Semester lümmeln erwartungsvoll neben der totgetretenen Wiese herum. Ich stehe zwischen den grinsenden Mädels mit den Bench-Jacken und den digitalen Spiegelreflexkameras, werde zuerst angestarrt, dann hemmungslos fotografiert. Meine Eitelkeit zieht mir den Schal ins Gesicht und ich schlendere rüber zum schwarzen Block an der Spitze des Zuges. Dort falle ich nicht so auf, denn auch ich bin völlig schwarz gekleidet mit Kapuze und Handschuhen. Eine einleitende Lautsprecherdurchsage der Polizei weist die Demonstranten freundlich darauf hin keine Glasflaschen mit sich zu führen. Allgemeines Gelächter. Ich habe eine Flasche Bionade dabei, bin aber heute dermaßen rebellisch, dass ich den Aufruf schlichtweg ignoriere. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Die Stimmung ist gut. Es werden Parolen gerufen. “A – Anti – Antikapitalista!”, “Die Häuser – denen – die drin wohnen!” Ich sehe vor meinem geistigen Auge die dicken Früchte der Anerkennung wachsen, die ich später vom Baum meiner Beziehung pflücken werde.
Neben mir läuft ein Punk, dem ich letztens einen Euro gegeben habe, und grüßt mich freundlich. Ich biete ihm eine Zigarette an. Er erzählt mir, dass er in der Liebig 14 wohnte und eigentlich einen gültigen Mietvertrag hatte, den er durch das Spekulationsmanöver der Eigentümer aber verlor. Er heißt Freddy. Die zukünftige Miete seiner Wohnung könne er sich nun nicht mehr leisten, weil er gerade eine Umschulung mache und er nun übergangsweise bei Freunden schlafen müsse, was für seinen kleinen Sohn nicht so gut wäre. Wir biegen in die Revaler Straße ein.
“Warum hast du dir keine Wohnung gesucht, als du den Räumungsbescheid bekommen hast?”
“Habe ich ja, aber innerhalb des Rings gibt es wegen der ganzen Medien-Bayern kaum noch bezahlbare Wohnungen und so ohne Auto – kannste vergessen. Ich kann nicht so weit draußen wohnen, wir haben den Kita-Platz und ich muss jeden Tag zur Schule. Ich hab’ auch keinen Bock mich in Köpenick in die Hütte meiner Alten zu hocken. Ich bin froh, dass ich da raus bin.”
“Du kannst ja nicht jeden, der in deinen Kiez zieht, für die Gentrifizierung verantwortlich machen.”
“Mache ich auch nicht. Aber viele suhlen sich im Schatten irgendeiner Szene, wie meiner. Neoromatiker, auf urbaner Abenteuersuche, deren eigenes Leben so öde ist, dass sie glauben eine Altbauwohnung in einem zugesprayten Haus würde irgendwie verhindern können, dass die mal so spießig werden wie ihre Alten in Stuttgart.” Er mustert meine Kleidung.
“Meine Eltern wohnen in Köpenick”, sage ich lakonisch und mache mit mir selbst aus, dass es okay wäre an dieser Stelle ein wenig geflunkert zu haben.
Freddy schaut mich ernst an und schweigt. Dann hält er mir seine Flasche Bier zum Anstoßen hin. Ich hole meine Bionade aus der Tasche und erwidere die Geste. Still trotten wir weiter.
Die Sprechchöre haben sich auf ein anderes Thema fixiert. Man skandiert: “Ganz Berlin … hasst die Polizei!” und “Gebt den Bullen die Straße zurück … Stein … für … Stein!” Einige Autonome haben sich mit osteuropäischem Feuerwerk eingedeckt und nehmen ein paar lautstarke Sprengungen vor. Über meinen Kopf fliegen ein paar Flaschen hinweg. Meist Sternburg Pilsener Export. In der Warschauer Straße, Höhe Grünberger geht es nicht mehr weiter. Die Polizei hat die Straße dicht gemacht und fährt drei Wasserwerfer auf. Mir geht etwas der Stift, habe ich doch noch die Fernsehbilder der letzten Bewässerung in Stuttgart im Kopf. Wahrscheinlich sitzen die besten Kanonisten der Berliner Polizei an den Wasserspritzen und suchen den Schützenkönig. Es ist voll und man kann sich kaum eigenständig in eine frei gewählte Richtung bewegen. Die Stimmung in meiner schwarzen Gruppe heizt sich auf und es wird spürbar, dass die eigentliche Forderung des Protests einer offensiven Aggression gewichen ist. Freddy habe ich verloren. Es wird gedrängelt. “Wasser marsch!”, schreit die Menge im Chor. Die Polizei knüppelt sich eine Schneise in die Demonstranten und baut sich vor dem Gleisbett der Straßenbahn auf, um die Masse davon abzuhalten sich nach einem Knüppelschlag auf die Seite der Gewaltbereiten zu stellen. Doch dafür ist es bereits zu spät. Hinter mir schlagen ziellos geworfene Schottersteine in der Schaufensterscheibe eines Cafés ein. Einen halben Meter weiter rechts und mein Gesicht wäre die Schaufensterscheibe gewesen. Die Polizisten bauen sich vor uns auf. ‘Ich habe genug demonstriert’, denke ich und suche nach einer Fluchtmöglichkeit. Die Spezialeinheiten mir gegenüber klopfen im Takt mit ihren Schlagstöcken auf das Schutzschild und zählen ab zehn runter. Ich komme mir vor wie bei Braveheart. “Ihr provoziert doch selbst die Situation”, rufe ich in die Richtung eines Beamten, wärend ich vergeblich versuche mich aus dem Pulk zu befreien. Der Polizist holt eine Videokamera hervor und beginnt mich lachend zu filmen. Die zwei Vermummten rechts und links neben mir brüllen mich an: “KETTE!”. Sie haken sich in meine Ellbogen ein und marschieren energisch auf die trommelnden Polizisten zu. Ich werde einfach mitgezogen. Es vibriert in meiner Jackentasche. Ich pfriemle akrobatisch mein Handy hervor. Es ist Marianne. Sie sagt, der Kampf der französischen Bauern sei gewonnen, sie hätte Milchreis mit warmen Pflaumen gemacht und dass ich zum Essen kommen solle.
Ein Wunder, dass mir nichts passiert ist. Ich schäme mich, dass ich mich so leichtsinnig und dumm in derartige physische Gefahr gebracht habe. Ich habe Marianne nicht erzählt, wo ich war und eigentlich hätte sie es auch nie erfahren, wenn auf dem Titelbild der heutigen Morgenpost nicht das Foto eines Autonomen mit iPhone und Bionade gewesen wäre.

Wenn ich etwas erzähle, entspricht es im Kern auch stets der Wahrheit – im Kern, denn zusätzlich zur Übergewichtstendenz hat mir meine Mutter die Neigung zur allgemeinen Über- und Untertreibung mit auf den Lebensweg gegeben. Zahlen und Werte sind in meinen Augen Variablen, die der Dramaturgie unterliegen und dementsprechend – und je nach Gesprächspartner – sinnvoll verformt werden. Wenn meine französische Freundin Marianne mich beispielsweise fragt, mit wie vielen Frauen ich in meinem Leben im Bett war, antworte ich: “Ich glaube fünf, wenn man Dich nicht mitzählt, aber ich muss dazu sagen, dass ich nicht immer auch verliebt war.” Auf die gleiche Frage antworte ich meinem Freund Micha: “Puh, so vierzig bis fünfzig, die im Vollsuff und im Urlaub nicht mitgezählt.” Meine Anpassungen der Wahrheit betreffen aber nicht nur Zahlen, sondern auch Fähigkeiten. So denkt beispielsweise meine Mutter ich könne Autos reparieren, Marianne verlässt sich in jedem dunklen Parkhaus auf meine Karate-Kenntnisse und ihr Vater glaubt, ich wäre einer der begabtesten Köche jenseits des Rheins.
“Eine gute Nachrischt Chéri, meine Eltern kommen uns endlisch mal besuchen”, empfängt mich Marianne, als ich abends nach Hause komme.
“Cool.”
Ich freue mich wirklich über diese Nachricht, denn so spare ich zwei Tickets nach Paris und die Autofahrt vom Flughafen in die Innenstadt, bei der es sich Mariannes Vater nie nehmen lässt mir zu zeigen, dass man mit einem Citroën locker jeden deutschen Wagen stehen lässt, der die Dreistigkeit besitzt vor einem auf der Autobahn zu fahren.
“Wann kommen sie denn?”
“Sie aben günstige Tickets bekommen und wir atten nischts geplant, da dachte isch es wäre ok. Also, ähm, sie kommen morgen”, sagt Marianne und macht dabei ein Gesicht wie ein Welpe. “Einen schönen Gruß soll isch dir von meinem Vater sagen und dass er sisch auf deine Küsche freut.”
Morgen?! Und er freut sich auf meine Küsche?! Mit Küsche meint er mein Essen. Ich kann schon etwas Brauchbares zubereiten, meine Eltern waren berufstätig. Sie warfen mir morgens einen Kohlkopf ins Kinderzimmer und ich sah zu, wie ich damit zurecht kam. Diese Erziehungsmethode der ostdeutschen Spätsiebziger mag pädagogisch umstritten sein, machte mich aber ernährungstechnisch recht unabhängig. Der französische Übervater (an dieser Stelle bitte ein paar Blitze und Donnern vorstellen) kocht ganz eindeutig auf Sterneniveau. Mein höflich gespieltes Interesse an den komplizierten Zubereitungsvorgängen und die Aussage Mariannes, ich könne auch sehr gut kochen, haben zur Folge, dass der Sonnenkönig nun höchstpersönlich vorbeikommt, um mich scheitern zu sehen und um seiner Prinzessin zu zeigen, dass die Laison mit einem Bürgerlichen aus dem preußischen Ödland keine Zukunft haben kann, und überhaupt, dass ich ein Versager bin.
Bei den Eltern anderer Frauen hätte ich einfach etwas beim Lieferservice bestellt und in der Küche eine Zwiebel in Butter für den authentischen Geruch angebraten, aber bei Marianne ist das etwas anderes. Dinge, die vorher unwichtig erschienen, sind nun bedeutend und dazu zählt in besonderer Weise auch die Rücksicht auf die Gefühle und Erwartungen einer anderen Person. Ein feuchter Film bildet sich auf meiner Stirn. Ich beginne Kochbücher neben mir zu stapeln, von Biolek bis Jamie Oliver. Einfallslose Geschenke einfallsloser Freunde, für die ich nun mehr als dankbar bin. Ich suche panisch nach einer Gourmetinnovation auf dem Niveau Gordon Ramseys und der Leistungsbasis von Bratkartoffeln mit Spiegelei. Koche ich etwas Einfaches, Traditionelles und hoffe auf den Kindheitserinnerungseffekt, der dem Film Ratatouille zu einem Happy End verhalf und den Restaurantkritiker Ego zu einem besseren Menschen machte? Oder lieber etwas Exotisches, bei dem man jedes Missgeschick als kulturelle Eigenart durchschmuggeln kann?
Als ich am nächsten Morgen mit meinem Gesicht auf Seite 216 von Ramseys “Sunday Lunch” erwache, entscheide ich mich spontan für das Gericht, das mir in dieser Nacht schicksalhaft als Kopfkissen diente. Getrüffelte Canard de Rouen mit Cognac-Jus und Feigen-Rosmarin-Pannacotta. Wenn ich schon mit dem Teufel Seelenpoker spiele, dann richtig. All in.
“368 Euro bitte”, sagt die Dame an der Kasse des Feinkostladens, die mir aufgrund ihrer beeindruckenden Oberweite bis eben noch so sympathisch erschien.
“Zwei Tickets nach Paris kosten im Schnitt 300 Euro”, sage ich zu ihr und werfe der Ziege meine Kreditkarte hin.
“Bitte?”
“Ach nichts.”
Ich stecke in die Sammelbüchse für die Erdbebenopfer von Haiti ein Zwanzigcentstück.
Das Logo des Feinkostladens auf den Tüten klebe ich mit Kreppband ab, weniger, um nicht überfallen zu werden, als vielmehr, um mein mühsam aufgebautes Image eines alternativen Gentrifizierungsgegners bei meinen Friedrichshainer Nachbarn nicht zu riskieren. Ich schwöre mir selbst, dass es eine einmalige Ausnahme sei.
Zu Hause angekommen beginne ich sofort zu kochen. So eine Ente braucht schon ein paar Stunden mit der ganzen Füllung, dem Salat, dem Käse – ich disponiere etwas um und ersetze aus Zeitgründen das würzige Feigen-Rosmarin-Pannacotta durch Brot. Marianne ist noch auf der Arbeit und holt danach die Rameauxs vom Flughafen ab. Derweil schneide, schmiere, reibe, fülle, seihe, brate, passiere und probiere ich, dass es eine wahre Pracht ist – ich habe einen guten Tag, halte mich an das Rezept und kann nach zwei Stunden das Vieh in den Ofen schieben. Alles ist vorbereitet, die Küche ist ein Schlachtfeld, die Katze rennt mit einem Entenkopf im Maul durch die Wohnung.
Marianne teilt mir per Telefon mit, dass sie etwas später kämen, da ihre Eltern im Zoll festhingen.
Na nu? Der Zoll glaubt nicht, dass sechzehn Flaschen Bordeaux nur den Eigenbedarf eines französischen Paares auf Berlintrip decken? Komisch. Die Verspätung ist aber auf Grund meiner eigenen Zollerfahrung – als Marianne in einem extra dafür gekauften Trolli voll Weichkäse durch die Gepäckkontrolle wollte – zeitlich bereits eingeplant. Ich stelle mir vor, wie der Zweimetermann mit seinen radkappengroßen Händen auf den Tisch des Zollbeamten schlägt und über die niedere Trinkkultur der Deutschen herzieht. “Wie gann man nur annähernd glauben, Sekt wäre mit Champagner su vergleischen?!”, rufe ich der Katze mit französischem Akzent zu. Minou spielt unbeeindruckt und puhlt ein Auge aus dem Entenkopf.
Auf einmal korrespondiert der in Vergessenheit geratene Teil meines Gehirns, der für Verwegenheit zuständig ist, mit dem Teil der Hirnrinde, welcher die Emotionen verwaltet, ohne sich mit mir abzusprechen. Ich bin plötzlich ganz aufgeregt und kann meinen Herzschlag in den Adern auf meinem Handrücken pochen sehen. Ich laufe zum DVD-Regal und nehme “Stirb langsam 4″ heraus, dem sichersten Ort, um etwas vor einer intelligenten Frau zu verstecken. Im Inneren der Hülle befindet sich ein kleines Tütchen mit einem Ring. Die Situation, die Eltern sowie die zwanghafte Höflichkeit der Franzosen scheinen nicht nur der perfekte Rahmen zu sein, sondern gewähren mir auch körperliche Unversehrtheit vor den Pranken des Vaters, wenn ich die Frage aller Fragen stelle.
Sie kommen. Ich stecke den Ring in einen der Desserttöpfchen und markiere ihn mit einer gesondert platzierten Mandelscheibe. Nachdem sich alle geküsst haben, wird über den Sinn und Unsinn des Schengenabkommens diskutiert, über den ungebildeten Zoll und die schlechten Straßen sowie das beschissene Wetter hier. Anschließend begutachtet man die Wohnung. Es gibt geteilte Meinungen – Mama Audrey freut sich und findet alles sehr modern, während Paul, Mariannes Vater, etwas enttäuscht zu sein scheint, dass wir nicht wie Obdachlose hausen. Audey packt schnell die Dinge aus, die in den nächsten Stunden gebraucht werden – Weinflaschen, Champagner, Käse, Würste und Brot.
“Wusstet ihr, dass in Deutschland täglich 15.000 Wurstsorten und 300 Brotsorten hergestellt werden? Damit sind wir in beiden Bereichen Weltmeister”, werfe ich der auspackenden Gesellschaft als Warm-up zu. Nach Mariannes Übersetzung lacht die gallische Truppe und erklärt, dass die große Auswahl unseren Geschmack verzerren würde, dass wir keine Saucisson hinbekommen würden und dass wir Deutschen von Natur aus weniger sensorische Fähigkeiten im Mund hätten als Franzosen. Paul klatscht laut in die Hände, reibt sich diese und meint grinsend, dass er Hunger habe. Er sieht mir tief in die vorbereiteten Augen. “Die Brust müsste in diesem Moment perfekt sein”, entgegne ich, ziehe untermalt von großem ‘Aha!’ das Tier aus dem Ofen und beginne zu tranchieren.
Die Ente ist perfekt und ich erkenne wie sich im Zeitraffer die Gesichtsausdrücke der Familienoberhäupter mit jedem Bissen von skeptisch zu begeistert verändern. Für einen Moment habe ich das Gefühl, dass Paul lächelt. Meine Anspannung löst sich und ich sehe, wie ich mit Marianne auf einer riesigen gebratenen Ente über eine Autobahn aus getrüffeltem Brie reite. Zwischen den Fahrbahnen wächst junger Salat in den buntesten Farben. Während wir eine Saucisson überholen, schneidet sich am Horizont eine gigantische goldene Brücke durch den Frühlingsnebel, ich gebe der kopflosen Ente die Sporen und wir schweben unter dem goldenen Bogen hindurch. Neben mir keucht und röchelt Mama Audrey, sie hustet und ihre Gesichtsfarbe gleicht dem Inneren der zarten Entenbrust. Paul und Marianne klopfen ihr wie wild auf den Rücken. “Kannst Du jetzt mal endlisch Wasser olen?”, fährt mich Marianne an. Mein Blick kontrolliert die Gläser mit dem Nachtisch. Muttis Nachtisch ist nur zur Hälfte gegessen. Mariannes Glas ist leer und auf ihrem Gesicht kann ich gar kein verliebtes Entzücken erkennen. Der Ring! Audrey würgt, Marianne gießt ihr ein Glas Wasser in die Kehle. Die Augen der Mutter sehen aus wie halb geschälte Radieschen und Pauls Gesicht ist wieder von der altbekannten Skepsis gezeichnet. Er meint, man müsse sofort zum Arzt und dass man ja nie wissen könne, was ich ins Essen gemacht hätte. Ich bäume mich auf und obwohl ich trotz gorilla-ähnlicher Körperhaltung immer noch einen Kopf kleiner bin als er, fühlt Paul sich herausgefordert, stützt die Fäuste auf die Hüften und blickt zu mir herab. “Fais gaffe, il fait du karaté* (*Pass auf, er kann Karate)”, ruft Marianne ihrem Vater zu. “Ähm, lass mal Chérie, ich werde hier nicht meine Fähigkeiten einsetzen, um eine Meinungsverschiedenheit mit deinem Vater zu klären. Das wäre unfair. Ich schlage vor, wir fahren tatsächlich mal rüber ins Klinikum, um sicherzugehen.”
Im Wartebereich der Notaufnahme glätten sich die Wogen. Paul meint, dass die Ente trotz der Umstände sehr gelungen wäre, und dass er nun nicht nur ein anderes Bild von mir, sondern auch von der deutschen Kultur als Gesamtes hätte. Er meint, man könne das Brot gegen etwas Besonderes tauschen – vielleicht eine Rosmarin-Pannacotta oder so etwas in der Art – aber sonst… Die Tür vom Behandlungsraum öffnet sich und Mariannes Mutter wird von einer Krankenschwester herausgeführt. Alles ist in Ordnung.
Auf der Heimfahrt sitzt sie neben mir auf der Rückbank des Taxis. Heimlich schiebt sie mir einen Umschlag rüber. Das darin befindliche Röntgenbild zeigt neben einer verfetteten Leber und Entenresten auch das klare Bild eines Ringes. Mariannes Mutter lächelt und hält sich den Zeigefinger an die Lippen. “You have to wait a little bit”, flüstert sie mir ins Ohr. “Ich weiß nicht, ob ich den Ring wiederhaben will”, flüstere ich zurück. Sie deutet auf Paul, der vorn sitzt und ergänzt: “You have to wait for him. I think he is not ready yet.”