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Schnecke schön durch

Feb 2010
19

Knochen in Schnecke schön durch

Meine Freundin kommt aus Frankreich, wobei man im heutigen Europa hinzufügen muss, dass sie zudem auch noch Französin ist. Für jemanden wie mich, der in der DDR groß geworden ist und in den letzten 20 Jahren aufgrund einer beruflichen Fehlentscheidung kaum Urlaub gemacht hat (ich arbeite in der Medienbranche), ist Frankreich mit seinen darin befindlichen Franzosen ein weißer Fleck auf der Landkarte seiner Erfahrungen. Alles, was ich über Frankreich weiß, ist das, was ich damals im DDR-Fernsehen gesehen hatte: Demonstrationen gegen den Kapitalismus, Arbeitslosigkeit, Versorgungsengpässe und regelmäßiger Streik der Arbeiterklasse. Nach der Wende hat sich dieser Wissenspool kaum erweitert. Mehr als eine Atomtestreihe auf Mururoa und die Tatsache, dass französische Touristen sich in der U-Bahn lauter unterhalten als amerikanische, ist nicht hinzugekommen. Sie heißt Marianne und, nachdem ich sie in die urbanen Gepflogenheiten des Berliner Postkommunismus eingeführt habe, soll nun ich an der Reihe sein, mich mit den fremden Gebaren des Nachbarlandes auseinanderzusetzen.

Mit meiner neuen süßen Freundin betritt nicht nur die frühlingshafte Romantik mein Leben, sondern auch die Bagage familiärer und gesellschaftlicher Verpflichtungen namens Familie Rameaux. So begibt es sich, dass Emile – seines Zeichens Cousin – heiratet und meine Freundin Marianne mitsamt dem “deutschen Barbaren”, der das Nesthäkchen aus dem Schoß der Familie raubte, eingeladen ist.

In Paris angekommen wird mir klar, welche Ausmaße der Versorgungsmangel hat, den die regelmäßige Arbeitsniederlegung der französischen Arbeiter und Bauern mit sich bringt. Unterernährte Mädchen mit Lanugo-Flaum auf den Armen, Wangenknochen wie Topfhenkel und Augen so weit aufgerissen, als hätte es Tollkirschen zum Frühstück gegeben. Die Männer in meinem Alter sind ebenso unterernährt, tragen Röhrenjeans, haben sich dünne Pullover um den Hals gebunden und, um ihre knochigen Gesichter zu verbergen, die Haare tief ins Gesicht gekämmt. Ich selbst wiege etwa 85 Kilo und kann mich, was die Balance meines Zuckerhaushalts angeht, wirklich nicht beschweren. Ich werde bestaunt und angegafft und schäme mich ein wenig dafür, dass es mir so gut geht.

Wir betreten ein kleines Eckrestaurant. Der etwa 50jährige Kellner, der uns zum Tisch bringt, starrt meiner Freundin auf die Titten. Ich sehe ihn an, mache ein Gesicht wie Joschka Fischer und schüttle den Kopf. Er schiebt die Unterlippe nach vorne, nickt und mir wird klar, dass die Franzosen der gleichen Gensuppe entstiegen sind wie die Italiener und Spanier. Marianne bestellt für uns, denn ich muss gestehen, dass mein Französisch sehr zu wünschen übrig lässt, beziehungsweise schlicht und ergreifend nicht vorhanden ist. “Wann fängs Du an Französisch su lärnen?” Eine der meist gestellen Fragen in den letzten Monaten. “Wenn ich jedes mal die Muttersprache meiner Freundin gelernt hätte, würde ich heute bei der Uno arbeiten – als Chefübersetzer.” Direkt nach dem Satz entschuldige ich mich – übrigens der einzige Satz, den ich auf Französisch kann: ‘Je suis désolé.’ Den hatte ich mir vorsichtshalber vor dem zweiten Date rausgesucht und ich bin überrascht, wie oft ich ihn gebrauche.

Der Kellner bringt uns Leitungswasser in einer Karaffe und einen Korb mit Brot. Ich stopfe mir gierig das Baguette in den Rachen, denn nachdem ich den Vormittag wie bekloppt durch Kirchen und Gassen gezerrt wurde, die man – und das muss ich neidvoll zugeben – an einigen Ecken aufwendiger saniert hat als die Mieterpaläste der Rigaer Straße, habe ich ganz schön Kohldampf. “Dem Brot fehlt Salz, Chérie”, sage ich zu meiner Freundin. “Endlisch mal nischd versalzen. Vielleischt aben die bei der Üno besseres Brot”, raunzt es zurück. Am Nebentisch sitzen fünf Franzosen. Jeder hat vor sich eine Scheibe feine Leberwurst mit Aspik auf dem Teller, die in daumengroßen Stücken an Brotfetzen geschmiert wird. Das Brot geht in der Gruppe rum wie ein Joint und ich denke an die Colibakterien, die auf dem Baguette “Reise nach Jerusalem” spielen.

Der Kellner bringt uns das Essen. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist von der kommunistischen Mangelwirtschaft nach all den Jahren nichts mehr zu spüren. Selbst in Frankfurt an der Oder ist es heutzutage und überall möglich einen brauchbaren Schweinebraten oder ein paar Kohlrouladen zu bekommen. In Paris ist man allerdings darauf angewiesen sich notdürftig mit Kleintieren bei Bewusstsein zu halten. “Mein Teller ist voller Schnecken. Ich dachte du hättest mir ein Steak bestellt”, flüstere ich vorwurfsvoll. “Escargot nischt Entrecôte”. Wie gesagt mein Französisch ist recht bescheiden und ich bin dadurch hilflos wie ein Baby. Aus unerfindlichem Grund spricht hier auch niemand Englisch, und wenn dann so unverständlich wie Chinesen, wenn sie versuchen Deutsch zu sprechen. “Probier doch, sie schmecken sehr gut.” Ich weiß nicht. Das letzte mal als ich eine Schnecke gegessen habe ist 25 Jahre her und auch nur weil mir Steve sonst meinen Schulranzen nicht wieder gegeben hätte. Ich nehme die kleine Gabel und eine der Schnecken in die Hand und zerre den Schleimer aus seiner Behausung. “Ist das ein Weibchen oder ein Männchen?” “Isch glaube diese Art von Schnecken sind Hermaphroditen. Nimm von der Knoblauchbutter”, sagt Marianne. Ich beschmiere die kleine Transe mit extra Butter, dass sie komplett bedeckt ist, und lege sie auf ein Stück salzloses Brot. Augen zu, Mund auf, zweimal schnell zubeißen und weg ist der Bocken – Weißwein hinterher – das Ganze hat keine 3 Sekunden gedauert und wird definitiv nicht wiederholt. Ich habe mich doch nicht Millionen Jahre an die Spitze der Nahrungskette gekämpft, um mich dann an Wirbellosen in Knoblauchsud zu vergehen. Meine Freundin hat sich Muscheln bestellt und isst eine nach der anderen – mir ist schlecht. Noch schlechter ist mir allerdings, als ich die Rechnung bekomme. Eine Hand voll Weichtiere, zwei Tafelweine und Bauschaum in Brotform für günstige 52 Euro.

“Und Gute Nacht Marie.”

“Quoi?”

“Ach nichts, Chérie.”

Nach einer Stunde im Pariser Verkehr halten wir kurz bei Mariannes Eltern, um uns umzuziehen. Sie sind zwar auch auf Emiles Hochzeit eingeladen, wollen mich aber unbedingt vorher unter sechs Augen kennenlernen oder wie Marianne sagt: “Prüfen.” Wahrscheinlich ob ich fortpflanzungsfähig und liquide bin. Ich nehme derartiges relativ relaxed, da ich normalerweise eine Anziehungskraft auf Schwiegermütter habe wie der Julio Iglesias der Siebziger. Bei den Eltern angekommen ist man mir gegenüber freundlich aber distanziert, man nennt mich ‘Monsieur Ginderfatter’, wenn ich direkt angesprochen werde, und ‘le fritz’, wenn man der Meinung ist, ich könne nicht mithören. Man umarmt sich, es wird Französisch geredet, keiner kann Deutsch und Englisch sowieso nicht. Mariannes Mutter Audrey meint, wir müssten unbedingt vor der Feier noch eine Kleinigkeit zu uns nehmen und dass auch gerade ‘os à moelle’ fertig sei und dass der Deutsche sich doch mal setzen solle. Normalerweise winke ich dankend ab, wenn ich gerade vom Mittagessen komme, aber die einzelne Schnecke, die ich mir gegönnt habe, reicht bei weitem nicht aus, um meinen Tagesbedarf an Lebensmitteln zu decken. Paul - Mariannes Vater – stellt mir einen Teller mit einem großen Knochenstück ohne Fleisch vor die Nase. Komisch. Ich sage nichts und prüfe verwirrt die Teller der anderen. Meine Vermutung, ich bekäme aus Argwohn den Abfallteller, bestätigte sich nicht, denn auch die Damen hatten nebst einer Scheibe Brot einen kahlen Knochen auf dem Menüplan. Noch bevor ich den Sinn hinterfragen kann, pulen die anderen einen gelblichen Glibber aus dem Inneren des Knochens und schmieren ihn auf die Scheibe Brot, von der sie daraufhin genüßlich abbeißen. Und wieder konnte ich meinen Satz gebrauchen: “Je suis désolé.” Ich hielt mir die Serviette vor den Mund und verschwand im Bad. Aus dem Wohnzimmer hörte ich eine Mischung aus Besorgnis und Gelächter, unterbrochen von “le Fritz! le Fritz!”.

Wir fahren gemeinsam zum Treffpunkt der Feierlichkeit. Einige Gäste sind schon da, traubenartig formiert und sich wie wild umarmend. “Das ist Frankreisch”, sagt Marianne und stürzt sich ins Getümmel. Sie zerrt mich am Anzug in die Menge und bevor ich auch nur auf die Idee komme mir prophylaktisch eine Herpescreme aufzutragen, bin ich im fleischigen Strudel französischer Rituale gefangen. Gefühlte 45 Minuten werde ich umarmt, gedrückt, gekniffen, geküsst und bestaunt. Neben den Bedenken, mir durch die für Deutsche ungewohnte Körperlichkeit einen Virus einzufagen, habe ich Angst, eines dieser Streichholzkonstrukte zu zerbrechen, denn manche der Verwandten sind dermaßen dünn, dass ich zwei auf einmal umarme, ohne es zu bemerken. Ich denke an die Schnecken, die ich heute im Restaurant habe stehen lassen. Hier hätte ich bestimmt ein paar dankbare Abnehmer gefunden.

Mitten im Menschenklumpen der Oralorgie sieht man ab und zu einen Kellner vom Catering umherschleichen, der vergeblich versucht sein Tablett mit kulinarischen Besonderheiten an den Franzosen zu bringen. Ich erkenne auf dem Tablett nichts Genießbares. Der Spitzenkoch hat sich in seiner Kreativität überschlagen, das Innere aus einer Auster herausgefriemelt, mit einer Paste und Knoblauch gebraten und mit Käse überbacken wieder in die Muschel geschmiert. Lecker! Mittlerweile würde ich sogar diese Kreation essen – samt Muschelschale.

Neben mir steht das dünnste Mädchen der Welt und oh Wunder – sie spricht Deutsch. Auf der Oberfläche ihres leuchtend blauen Seidenkleides zeichnet sich jeder einzelne Knochen ab. Sie ist überdurchschnittlich braun gebrannt, hat dünnes schwarzes Haar und an ihren stark behaarten Unterarmen kann ich genau Elle und Speiche erkennen. Ich frage, “Willst Du eine von den überbackenen Austern? Die sehen widerlich aus, sollen aber großartig schmecken.” Und weil ich mir mit meiner Sakko-Größe 52 auf einmal so väterlich vorkomme, hänge ich noch ein “Du solltest mal was Essen, Mäuschen” hinten dran. “Danke, das ist sehr freundlisch von ihnen, aber es gibt ja in der Kirsche gleisch noch etwas zu essen”, sprach sie und schwebte ohne einen Grashalm zu knicken über den Rasen davon. Marianne stürmt wütend auf mich zu und schreit mich flüsternd an:

“Findest Du diese Schlampe attraktiv?”

“Was?”

“Du denkst isch bin fett?”

“Hä? Ich denke Du hast einen Knall. Bei uns hießen Frauen früher Waldtraut und Edelgrund, haben sieben Kinder während der Arbeit auf dem Feld geboren und dabei Römer mit bloßer Hand erschlagen. Ich komme aus einem Land in dem Saumagen jahrelang Nationalgericht war und Ottfried Fischer einen Polizisten spielen kann, während Euer Präsident sich die Wampe retuschieren lässt und Models vögelt. Ich finde Dich nicht fett. Du bist nicht fett. Die anderen sind dürr.”

“Du bist so süß, aber isch weiß, dass isch fett bin. Komm, wir kommen su spät in die Kirsche.”

Bevor ich sagen kann, dass ich mir wenigstens einen überbackenen Salzwassermuskel gönnen möchte, werde ich über die Straße in die Kirche gezogen. Alle Franzosen heiraten quasi katholisch und Emile und seine Erwählte sogar mit Abendmahl. Plötzlich wird mir klar, was das blaue Gerippe vorhin meinte. Ich stelle mich trotz meiner ostdeutschen Gottlosigkeit in die Schlange, um den oblatenen Leib Christi zu empfangen. Marianne faucht, dass ich ohne Kommunion hier kein Essen kriegen würde. Ich mache ihr mit einem Blick den Ernst der Lage klar und dass mir schon ganz übel sei und dass ich hier bei 40 Grad im Schatten verrecke, wenn ich jetzt nicht umgehend ein paar Ballaststoffe zu mir nehme. “Du bist auch auf einmal ganz blass”, flüstert sie. “Das ist wohl der Weihrauch”, antworte ich. Ich drehe mich zum Pfarrer, öffne meinen Mund erwartungsvoll und schließe meine Augen. Als ich sie wieder öffne liege ich alleine in einem großen Bett eines gutbürgerlichen Schlafzimmers mit floralen Mustern auf der Tapete. An der gegenüberliegenden Wand hängt das Bild eines Mädchens mit dicken Möpsen und roter Schlumpfmütze, daneben ein Kruzifix. Die Tür geht auf, Marianne kommt ins Zimmer und lächelt.

“Du bist ja wach mein Schatz. Du bist zusammengebrochen als der Priester Dir das Brot reischte. Wir aben Dich ins Gästeaus getragen.”

“Ich hoffe, ich habe die Oblate noch gegessen”, quäle ich aus meinem Körper.

“Nein, und das ist auch gut so, denn als der Priester erfahren at, dass Du nischt getauft bist, wollte er die Messe beinahe abbrechen.”

Hinter ihrem Rücken holt sie einen Teller hervor.

“Wow, eine Frikadelle! Ist die für mich?”

“Isch konnte den Koch nischt dazu bringen Pommes su machen, desalb mit Kartoffeln.”

Eines muss man den Franzosen lassen: Wenn sie ordentliche Zutaten haben, dann können sie auch kochen. Und obwohl ich ein schlechtes Gewissen habe, weil von dieser Portion Hackfleisch in Frankreich eine dreiköpfige Gerippe-Familie satt werden könnte, so genieße ich doch die erlösende Mahlzeit. Ich meine sogar ihr kulinarisches Geheimnis heraus schmecken zu können. Es scheint, als hätte jemand auf dem Weg von der Küche bis zu mir eine kräftige Prise Liebe über das Essen gestreut.


Warschauer-Pakt-Rekord

Sep 2009
05

Klasse in Warschauer-Pakt-Rekord

(nach einer wahren Geschichte)

In der DDR wurde der Wert von Altpapier mehr zu schätzen gewusst als in der imperialistischen BRD. Das kollektive Sammeln alter Zeitungen war keine ökologische Romantik, sondern staatlich verordnete Pflicht eines jeden guten Ossis, denn im realen Sozialismus waren Rohstoffe Mangelware und die Leidenschaft zur gemeinschaftlichen Problemlösung Bürgerpflicht. Dass wir Papier nötiger brauchten als die in der keimenden Digitalisierung lebenden Wessis, war offensichtlich. Allein mein Onkel Richard hatte einen Papierverbrauch, der sich sehen lassen konnte. Er dokumentierte täglich die Geschehnisse in unserer Nachbarschaft und im Bekanntenkreis mit der Schreibmaschine, um diese in Form von Protokollen zu versenden. Freunde aus der Schule berichteten mir, dass auch sie so einen Onkel oder Vater hätten, und so konnte ich mir den ostdeutschen Tagesbedarf schnell hochrechnen. In der DDR sammelten wir Kinder nicht alleine – man hatte uns als Pioniere organisiert, mit Statuten und Uniformen ausgestattet und täglich von Fleiß und Hilfsbereitschaft erzählt, so waren wir früh gewappnet, mit Holzgewehren im Wäldchen neben der Schule das Töten von Amerikanern zu üben, Rentnern über die Straße zu helfen oder eben Altpapier zu sammeln.

Mein Hemd leuchtete strahlend weiß während des Fahnenappells und der Morgenwind, der das süßlich duftende Aroma des Chemie-Kombinats mit sich trug, ließ mein Pionierhalstuch sanft auf meiner Brust tanzen. Leuchtend rot, in Revolution getränkt und aus 100prozentigem “PAS Gewirke” vom “VEB Annaberger Wäschewerk Kombinat Baumwolle”. Wir Pioniere trugen es mit Stolz oder mit Abscheu, je nachdem, welche Spur die rote Befreiungsarmee in der Familie hinterlassen hatte. Dass in diesem Tuch keine Baumwolle enthalten war, merkte man spätestens am nächsten Morgen, wenn sich kleine nasse Pusteln an den Stellen bildeten, an welchen man Hautkontakt mit dem Tüchlein hatte. Beim Appell trugen alle ihre Pionier-Uniform. Die Thälmannpioniere ein weißes Hemd mit rotem Halstuch, die Jungpioniere ein weißes Hemd mit blauem Tuch und die Großen von der Freien Deutschen Jugend ihr blaues FDJ-Hemd. So standen die Schüler der POS Marzahn in aus Klassen bestehenden Blöcken auf dem Hof und warteten auf die Show. Immer drei Schüler hintereinander, meist nach Größe geordnet und mit Stullen und Äpfeln darauf vorbereitet, eine dreiviertel Stunde in der prallen Ost-Hitze zu stehen. Wenn eine befreundete Schule aus der Tschechoslowakei ein paar Schüler nach Berlin geschickt hatte, um eine Rede auf tschechisch zu halten, die keiner verstand, konnte der Applell auch schon mal doppelt so lange dauern. Ofmals ist dann schon nach 60 Minuten einer der 17 Ronnys an unserer Schule in Ohnmacht gefallen und sorgte mit seinem Kollaps für allgemeine Erheiterung. Die Augen verdrehten sich und man sah nur noch das Weiße. “Still gestanden”, peitschte der Lehrer über die Köpfe. Ronny lag auf dem Asphalt und verlor die Gewalt über seinen Schließmuskel.

Wer sein Halstuch oder sein weißes Hemd vergessen hatte, musste nach hinten. Ich stand oft hinten. Es wurde die Hymne gespielt, Schüler trugen Fahnen über den Hof und Lehrer brüllten Befehle in die Menge, dass es eine reine Freude für jeden militanten Schweinehund war. Jede Klasse hatte einen Gruppenratsvorsitzenden, eine Art Klassensprecher wie im Westen, allerdings noch unbeliebter und mit erniedrigenden Aufgaben betraut. Der Gruppenratsvorsitzende meldete dem Freundschaftsratsvorsitzenden nach rechtwinkligem Heraustreten aus der Pioniergruppe die Anwesenheit seiner Klasse. “Freundschaftsratsvorsitzender Lohmann, ich melde die Klasse 7a ist vollzählig zum Fahnenappell angetreten.” Nach ein zwei Liedern, die heute bestimmt verboten sind, wurden einige wenige Schüler für ihre Leistungen im Unterricht oder für Heldentaten in ihrer Pionierfreizeit ausgezeichnet. Entweder hatten sie einen Freund denunziert, der am Dienstagmorgen auf dem Hof wild gestikulierend und mit Mundgeräuschen untermalt die montägliche “Colt Seavers”-Folge nachspielte, oder sie hatten überdurchschnittlich viel Altpapier gesammelt. Mein Name war nie dabei, denn ich mochte “Colt Seavers” und sammelte nie Papier. Meine Devise: “Bloß nicht durch Fleiß auffallen, bloß nicht zu pioniermäßig sein”, denn die Tugenden, welche die Lehrerschaft glücklich machten, waren gänzlich unbeliebt bei den Mädchen und ich mochte Mädchen.

Nach dem Appell rief mich der Direktor wie gewöhnlich zu sich ins Lehrerzimmer. Neben ihm saß René, unser “Altpapierverantwortlicher”. Renés Daseinsberechtigung bestand allein darin, die Altpapiersammlungen der einzelnen Schüler zu wiegen, zu protokollieren und zu melden. Mein Name war bisher nicht dabei. Nicht ein einziges Mal in sieben Jahren. “Benjamin, René hat mich in seiner Aufgabe als Altpapierverantwortlicher darauf hingewiesen, dass Du immer noch kein Altpapier in die Schule gebracht hast. Nicht ein einziges Kilo in sieben Jahren. Du weißt, wie wertvoll die Rohstoffe für unsere Republik sind, und dass es deine oberste Pionierpflicht ist, dein Land zu unterstützen. Dein Klassenkollektiv würde es bestimmt begrüßen, wenn Du im nächsten Monat das Altpapier von zu Hause mit in die Schule bringst. Wenn jeder Pionier so wie Du handeln würde, hätte der Klassenfeind leichtes Spiel, seine konterrevolutionären Ziele durchzusetzen. Nimm Dir ein Beispiel an René, er hat im letzten Monat 23 Kilo gesammelt.” René grinst bis über beide Ohren. Er war wie ich in Anna verliebt. Ich war mit ihr Eis essen, das stank ihm und nun pisste er mir an den Karren. Als ich aus dem Lehrerzimmer kam und an den Haken vorbei lief, an denen alle Schüler ihre Jacken aufhingen, nahm ich Renés Anorak und stopfte ihn in den Mülleimer auf dem Gang.

Am nächsten Morgen nahm ich die alten Zeitungen aus dem Zeitungsständer meines Vaters, schnürte ein handliches Paket und versah es mit meinem Namen. Im Klassenzimmer legte ich es René auf den Tisch und ließ 2,4 Kilo Altpapier unter meinem Namen eintragen. Renés Jacke roch nach Apfel mit Salami und sein Blick versprühte tiefen Hass. “Morgen kriegst Du mehr”, sagte ich zu ihm und setzte mich neben Anna. Die darauffolgenden Tage brachte ich Altpapier mit, massenhaft, ich klapperte meine Verwandten und die Nachbarn ab, sammelte auf der Straße und durchwühlte die Müllcontainer im Hinterhof. Ich hatte einen Plan. Ich wollte so viel Altpapier sammeln, dass ein für alle Mal Ruhe ist, René das Grinsen aus dem Gesicht fällt und der alte Schulle mir eine Urkunde geben muss. Das Projekt gestaltete sich allerdings schwieriger, als ich gedacht hatte. Nach einigen Tagen war ich gezwungen neue Quellen zu erschließen. Nachdem ich verzweifelt versucht hatte, ein paar Bücher aus der Bibliothek bei René wiegen zu lassen, verkaufte ich eine BRAVO, zwei Beatles-Platten und einen zerfledderten Sartre auf dem Schwarzmarkt hinterm Alex für 234 Mark. Davon kaufte ich mir 1560 Mal die Berliner Tageszeitung und schleppte sie in die Schule. Am 30. April 1987 war es so weit: Neben meinem Namen standen sage und schreibe 271,3 Kilo Altpapier, zertifiziert, gewogen und protokolliert vom Papp-René höchstpersönlich. Das gab’s noch nie. Klassenrekord, Schulrekord, Landesrekord und in dieser Disziplin wahrscheinlich sogar Weltrekord (zumindest Warschauer-Pakt-Rekord). Meine Klassenlehrerin Stepanski und Direktor Schulze waren außer sich, als René am Monatsende mit knirschenden Zähnen seine Liste abgab.

Beim nächsten Fahnenappell war es dann soweit, Herr Schulze klopfte mit zwei Fingern auf das Mikrofon und nannte irgendwann zwischen den Worten “Vorbild”, “Arbeiterklasse”, “Frieden” und “Sozialismus” meinen Namen. Ich trat rechtwinklig aus meiner Pioniergruppe heraus und marschierte auf den Freundschaftsratsvorsitzenden zu. Man feierte und beglückwünschte mich. Zwei Tschechen sangen ein russisches Lied über Bäume und der Direktor überreichte mir die Urkunde, die meine spontane Sammelleidenschaft unvergesslich und mich unantastbar machte. Alle Ronnys hielten durch.

Ich habe danach nur noch ein einziges Mal Altpapier abgegeben. Ich faltete meine Urkunde zu einem kleinen, süßen Päckchen zusammen und ließ 32 Gramm meinem Namen gutschreiben. Mein 271,3 Kilo-Rekord blieb lange Zeit ungebrochen. René gab im September 1990 311 Jugendweihe-Exemplare von “Der Sozialismus – Deine Welt” in die Altpapiersammlung. Drei Tage später war der Spuk vorbei.


Der mit dem Turm tanzt

May 2009
03

Sama in Der mit dem Turm tanzt

Jeden Tag, wenn ich zur U-Bahn-Station Samariterstraße laufe, werfe ich einen grüßenden Blick Richtung Fernsehturm und verspüre ein tiefes Gefühl der Geborgenheit, wenn er zurücklächelt und mir einen guten Morgen wünscht. Es gibt Tage, die neblig sind, verregnet oder verschneit und an denen ich den Turm aus der Ferne nicht sehen kann. Ich halte kurz inne, kneife die Augen zusammen und konzentriere mich darauf, eine Kontur, einen Schatten oder das rote Blinken auf der Spitze der Antenne auszumachen, um die Gewissheit zu erlangen, dass er noch da ist. Heute ist einer dieser Tage, an denen ich die Augen zukneife und sie zu derart messerscharfen Schlitzen verforme, dass Passanten mich ansprechen, um bei mir zollfreie Zigaretten zu kaufen.

Ich kann den Fernsehturm heute nicht sehen – nur weiße Suppe, die sich zähflüssig wie meine Laune durch die Stadt schlängelt und mir jede Sicht nimmt. Unter diesen Umständen muss die Berliner Wirtschaft ohne mich zurechtkommen. Ich mache kehrt, melde mich in der Agentur krank und stapfe durch die nassen Schneereste zurück zu meiner Wohnung. Im Flur begrüßt mich die altbekannte Leere, die meine Exfreundin hinterlassen hat. Die Küche ist seit Monaten nicht benutzt worden, der Fernseher und der Staubsauger auch nicht. Ich brauche eine Mitbewohnerin bevor die Staubflusen beginnen mit mir zu reden oder ich mit ihnen. Eine Frau sollte es sein, mein Antityp, nach Möglichkeit unattraktiv, mäßig gebildet, mit festem Einkommen, kleinem Freundeskreis und kurzen blonden Haaren – die sieht man nämlich nicht auf den weißen Fliesen meines Badezimmers. Falls es diese Kombination nicht gibt, würde ich alternativ auf ein nymphomanisches, südamerikanisches Model mit Lockenwald und oberflächlichen Deutschkenntnissen wechseln. Dazwischen gibt es für mich im Grunde keinen grauen Bereich.

Um die Sache schnell abzuwickeln, beschließe ich sofort eine Anzeige bei “WG-Gesucht” einzustellen. Ich mag keine Fremden im meiner Wohnung und schreibe daher: “WG-Zimmer frei, mit allen Extras, 22 Quadratmeter, Mitbewohnerinnen-Casting jeden Abend ab 21:00 Uhr auf der Couch im Wein-Salon/Schreinerstraße.” Da ich dort sowieso täglich verweile, muss ich mich nicht unnötig bewegen und kann das Bewerbungstreiben mit einem Glas Wein illustrieren. Am gleichen Abend sitze ich auf der besagten Couch und tatsächlich biegt nach wenigen Minuten die erste junge Dame in das versiffte Räumchen des ehemaligen Frisörs, um sich mir vorzustellen. Katja aus Greifswald verbringt mehr Zeit auf der Sonnenbank als im Bett und wenn sie doch einmal im Bett landet, dann nicht in ihrem eigenen. Als ich sie nach ihren Hobbys frage, sagt sie: “Ich lutsche gerne Kinderschokolade bis das Weiße kommt.” “Next!” rufe ich. Wie gesagt, Nymphomanin gerne, aber wenn, dann bitte mit Exklusivrechten.

Eine Sekunde später kommt Marina, pfiffiger dunkelblonder Kurzhaarschnitt, ein Gesicht wie eine zusammengepresste Milchtüte, Studentin der Soziologie, durchaus solvent, Putzfimmel und eigentlich aus Kiel. Wow, die ist perfekt. Ihre Optik ist dafür verantwortlich, dass ihr Freundeskreis sich auf ihre ehemalige Babysitterin und eine dicke Kommilitonin beschränkt – ich sehe einer ruhigen gemeinsamen Zukunft entgegen und präsentiere ihr einen Zettel mit WG-Regeln und Nebenkostenabrechnung. Völlig verstört lässt sie mich wissen, dass sie überhaupt kein Zimmer sucht, sondern dachte, der Platz auf dem Sofa wäre frei und ich an ihr interessiert. Ich fühle mich trotz Gesichtsinkompatibilität geschmeichelt, kommentiere dies aber mit einem durch ein Lächeln untermaltes “Next”.

Regula – um die vierzig erscheint in der Kleidung einer indischen Bollywood-Tänzerin und platziert ihren riesigen Hintern auf die Couch. Sie hat ein Tuch mit einem Baby um ihren Bauch gewickelt, ein Tuch um die Hüfte und eines um Stirn, um die mit Holzperlen versehenen Dreadlocks aus ihrem Holunderbeersaft zu halten. Mit einem fünfjährigen Jungen an der Hand, dessen Hose mehr dreckige als saubere Stellen hat, sitzt sie mir gegenüber und starrt mich erwartungsvoll an. “Äh, ich dachte eher an eine einzelne Person. Das Zimmer eignet sich nicht wirklich für mehrere”, sage ich. “Als ich in Südamerika gelebt habe, waren wir manchmal bis zu zehn Menschen in einem Raum”, gibt sie mir zu wissen. Ihr Erstgeborener nippt an meinen Bordeaux, seine Mutter kommentiert dies durch ein auf die letzte Silbe betontes: “Steveeeen!”, ein Speicheltropfen rinnt an der Innenseite des Glases herab. “Next.”

Man ist doch immer wieder erschrocken, wie unterschiedlich die Menschen sind. Nach einer halben Dekade in diesem Bezirk reduzierte sich meine Toleranz auf einen Rest, der wie aus einer für die meisten bereits leeren Zahnpastatube mit vollem Körpereinsatz rausgequetscht werden muss, um das alles hier zu ertragen. Ich gehe zur Theke, um mir ein neues Glas zu holen. Wie aus dem Nichts und von mir auf die Wirkung des Weins geschoben, erscheint meine Ex vor meinen Augen und sieht mich irritiert an. “Du? Ich dachte… Man konnte… Also wegen der Anzeige… Du bist das… Ähm…”, stammelt sie. “Next.” sage ich und werfe noch ein etwas lauteres “Next!” hinterher. Das wäre ja ein interessanter Plot, wenn am Ende einer solchen Geschichte, der Grund für die Ausgangssituation wieder in die Wohnung einziehen und sich der Kreis schließen würde. Aber seit der Trennung haben sich Dinge und Menschen geändert und nichts wird/bleibt und ist wie es war. Denn das Leben ist kein Groschenroman und überrascht permanent durch unendlichen Facettenreichtum.

Als mein Bordeaux mit mir am Stiel zum Casting zurückkehrt, sitzt ein Mann auf der Couch – gutaussehend, Sakko, Sneakers, mit der Frisur James Deans über einem leicht angenervten Gesicht. Dass der Typ aus dem Ruhrgebiet kommt, sehe ich sofort an seiner Körperhaltung und dem Blick der Überlegenheit, den die Jungs dort gerne abends spazieren führen. Sein Name ist Mark und er macht auf Producer im Bereich Imagefilm, nebenbei schreibt er ein Drehbuch für die Filmidee, die er schon seit Teenagerzeiten mit sich herumschleppt. “Wer macht das nicht in Berlin?”, sage ich zu ihm und lese ihm ein paar Zeilen aus meinem Drehbuch für “Friedrichshain vs. New York” vor. Außerdem schreibt er einen Blog, wettert gegen Mitte – obwohl er selbst ganz schön “mitte” ist, hält sich für einen Gourmet, der nur nach Berlin gekommen ist, um mal was Ordentliches zu essen zu bekommen, und knallt sich in der halben Stunde, in der wir uns unterhalten, drei Gläser Wein in den von Pasta gezeichneten Körper. Komischer Typ. Ich überprüfe kurz, ob ich vor einem Spiegel sitze – nee, den gibt es wirklich und ich frage mich, ob es dort, wo der herkommt, noch mehr gibt. Ich teile dem Klon mit, dass ich mit mir selbst nicht zusammenwohnen möchte und dass meine Ex das ja auch nicht mehr wolle, und wir waren uns ja auch so ähnlich, und dass das wohl ein fehlerhaftes Konzept sei. “Abgesehen davon suche ich eine Frau”, sage ich. “Wer macht das nicht in Berlin?”, pariert Mark und setzt sich – mir zuprostend – an die Theke zu zwei spanischen Sextouristinnen.

Als ich vom Klo komme, grinst ein süßer Traum in Blond von der Casting-Rampe. “Servus, i bin d’Marion aus Minga, i hob glesn, dass’d a Mitbewohnerin suachst.” “Hä?”, entgegne ich und lächle debil. Man, jetzt ist die Gentrifizierung schon in meiner Straße angekommen. Als das Frauenfitnessstudio in der Nachbarschaft aufgemacht hat, habe ich es bereits geahnt. Nun kommen sie in Scharen. Es war auch illusorisch zu glauben, ich wäre der einzige Zugezogene in der Gegend. Ich fühlte mich auf einmal ein wenig wie Kevin Costner in “Der mit dem Wolf tanzt”, der die undankbare Aufgabe hatte, den Indianern vorsichtig klarzumachen, dass noch mehr Weiße ins Land kommen werden und dass das so viele sein werden, wie es Sterne am Himmel gibt. Was habe ich geschimpft, gemeckert und gevorurteilt und nun sitze ich hier als Verräter an meinen indianischen Freunden, die mich gerade erst in ihr Herz geschlossen haben, feilschend mit der süßen Siedlerin um die Pacht für eine Welt, die mir nicht gehört. Es dauert keine fünf Minuten, bis sie mich mit ihren Glasperlen um den Finger gewickelt hat, und da die Münchnerin über ein Sexappeal verfügt, dass selbst Uschi Obermaier vor Neid aus dem Stand zu flennen beginnen würde, muss ich das Angebot einfach annehmen. Untermietvertrag mit drei Kreuzen und einem Fingerabdruck aus Blut versehen – schon ist alles in trockenen Tüchern und die Hochzeit kann kommen, denn nicht nur ich habe meinen Verstand gegen eine Schüssel voll Götterspeise getauscht, auch sie ist benebelt vom exotischen Charme, der von einem Wahlberliner mit fünfjähriger Kiezerfahrung ausgeht.

Seit Marion bei mir eingezogen ist, kann ich jeden Tag den Fernsehturm sehen, weil direkt über unserem Bett ein großes Foto von ihm hängt. Irgendwie hat dann wohl doch der Groschenromanautor ein Happy End in dieses Kapitel geschrieben und Gott sei Dank darauf geachtet, dass man ihre Haare nicht auf den weißen Fliesen sehen kann.

Klar, dass ich bei einer aus München einen Hunni auf die Miete draufgeschlagen habe, so viel Verstand ist mir trotz der ganzen Zuckerwatte im Kopf noch geblieben. Sie findet es immer noch günstig.


Neongrau

Apr 2009
15

Platte in Neongrau

Jetzt, in Zeiten des Mangels und der Weltwirtschaftskrise, muss ich oft an die deutsche Teilung denken, als ich noch kein Europäer, sondern ein stinknormaler Ossi war. Bereits im Alter von drei Jahren war mir klar, dass ich Künstler werden wollte, und so war im Gegensatz zu den anderen kleinen Ostdeutschen das Erste, was ich sagen konnte, nicht “Mama”, “Papa” oder “Es lebe die Partei”, sondern: “Ich wünsche mir einen Malkasten”. Meine Eltern staunten nicht schlecht über diese ersten Worte, doch ich staunte noch tausendmal mehr als ich meinen VARIO-Tuschkasten bekam und feststellen musste, dass die zwölf kleinen Töpfchen ausschließlich mit grauer Farbe gefüllt waren. Kein Blau, kein Rot, nur Grau. Es existiert die Legende, dass die Inuit in Nordkanada unzählige Begriffe für Weiß hätten. Wir Ossis in der Grau-Zone hatten tatsächlich mehrere hundert Bezeichnungen für Grau. Im Malkasten war Sonnengrau, Aschgrau, Nachtgrau, Topfgrau, Taubengrau, Palastgrau, Pioniergrau, Königsgrau, Weiß-Grau, Leningrau, Neutralgrau und natürlich Mauergrau. Daneben lagen noch zwei kleine Tuben – eine mit weißer und eine mit schwarzer Farbe. Damit konnte man sich noch weitere Grautöne mischen, falls einer der vorliegenden zu hell oder zu dunkel war. Mein Vater schüttelte den Kopf, als ich mit einem Pinsel und etwas Wasser die trockene Farbe aufweichte, und murmelte etwas von Mangel und scheiß DDR. Ich hingegen war motiviert und eifrig dabei den neuen Malkasten auszuprobieren und malte, was das Zeug hielt. Ich malte den ganzen Tag Straßen, Autos, meine Schule, meinen Plattenbau, Menschen, Züge, den Berliner Himmel und stellte fest, dass der Malkasten geradezu genial war, denn ich brauchte gar keine anderen Farben, die Sachen, die ich den ganzen Tag sah, waren doch auch grau. Ich benutzte noch nicht einmal die beiden Tuben um einen neuen Grauton zu mischen, denn die fertigen Abstufungen passten immer. Nur als ich einmal meine Zukunft malen wollte, musste ich zu Schwarz greifen. Ich wusste, dass meine Republik die leuchtenden bunten Farben für wichtigere Dinge brauchte. Das meiste Rot ging für die Fahnen unserer Bruderstaaten China und die Sowjetunion drauf, die bei jedem Appell zu leuchten hatten. Blau brauchte man um die ganzen FDJ-Hemden einzufärben und Grün für die “grünen Pfeile”, die bei uns an jeder Ampel hingen. Kurz nach der Wende versuchten viele VEBs es mit den Unternehmen aus dem imperialistischen Ausland aufzunehmen und zogen mit allerlei Verbesserungen der ostdeutschen Produkte nach. Da nun kein Rohstoffmangel mehr herrschte, konnten Schokolade mit Kakao, Fernseher mit Farbbildröhren und Klohbürsten mit Kunststoffborsten versehen werden. Auch der VEB VARIO versuchte durch einen vermeintlich klugen Schachzug den Betrieb vor dem Untergang zu retten und brachte 1989 ein Nachfülltöpfchen mit der Farbe “Neongrau” auf den gesamtdeutschen Markt – leider vergeblich. Ich bin dann doch kein Künstler geworden, sondern habe auf Anraten meiner Eltern eine Banklehre gemacht. Nach der Finanzkrise Ende 2008 habe ich meinen Malkasten wieder rausgekramt, jedoch war in der Schwarztube kaum noch genug Farbe, um mir das Jahr 2010 auszumalen.


Berlin ist ein Dorf

Feb 2009
22

Obama in Berlin ist ein Dorf

Die Trennung von meiner Freundin liegt jetzt, meiner Meinung nach, lang genug zurück, um sich nach einer geeigneten Nachfolgerin umzusehen. Schön sollte sie sein und ein Bett, einen Esstisch mit fünf bis sechs Stühlen sowie ein Bügeleisen besitzen, da mir diese Dinge, im Rahmen des Auszugs meiner Ex abhanden gekommen sind. Um mir eins auszuwischen, hat die ehemalige Liebste, oder wie Kishon sagen würde: “Die beste Frau von allen”, eine Weltwirtschaftskrise herbeigeführt, sodass es mir in diesen Wochen und Monaten nicht gegeben ist, für entsprechenden Ersatz zu sorgen.

Das Internet ist eine tolle Erfindung. Die Experten vom “Friendscout” unterbreiteten mir gelungene Vorschläge, nach Körpergröße und Interessen, sowie nach Entfernung zu meinem Wohnort sortiert. Eine Kandidatin ist schnell gefunden. 2,4 km von meiner Wohnung entfernt soll sie wohnen, 167 cm groß sein und seit 6 Jahren in Berlin leben. Sind wir mal ehrlich, ein Zugezogener und eine echte Berlinerin, das hätte nicht funktioniert. Nicht alles ist in dieser Stadt möglich, daher haben wir auch Wowereit und nicht Obama als Bürgermeister. Ihr Online-Name verspricht einiges… “Schnubbinchen28″, sie arbeitet, wie ich, in der Berliner Medienlandschaft und interessiert sich laut Profil für Schuhe und Literatur. Das klingt alles etwas nach meiner Ex und da die Beziehung sieben Jahre lang gehalten hat, kann das ja keine schlechte Voraussetzung für eine neue sein. Nach ein, zwei Mails beschließen wir, uns nächste Woche Sonntag beim “Spaghetti Western” in der Torstraße zu treffen. Wenn man die Online-Bekanntschaften nicht schnellstmöglich ins richtige Leben trägt, ist es schwer, mit einem von Mails geprägten Eindruck zu unvoreingenommenen, offenen Treffen zu gehen. Als ich den Rechner ausschalte, merke ich, dass ich etwas aufgeregt, mir aber nicht sicher bin, ob es an Schnubbinchen28 liegt – die im richtigen Leben Natalia heißt – oder an der Tatsache, dass ich mich trotz verstrichener Trennungsphase, ein wenig so fühle, als ob ich meine Exfreundin betrügen würde. Dieses Gefühl soll ich also nun eine Woche lang aushalten?

Am darauf folgenden Tag erzähle ich einer Kollegin in unserer Werbeagentur, dass ich mich am nächsten Wochenende mit einer Frau treffen werde. Sie scheint etwas erschüttert über meine Verabredung zu sein und meint, dass es dafür viel zu früh sei und ich doch erstmal alleine klarkommen sollte. ‘Schön, dass man die besten Tipps zu Beziehungen immer von Leuten bekommt, die keine funktionierende haben’, denke ich, sage aber: “Vielleicht hast du recht.” In der Mittagspause treffe ich zufällig meinen Freund Tom, der gegenüber in einem mäßig erfolgreichen PR-Unternehmen arbeitet. “Ich habe gehört, du hast eine neue Freundin?”, fragt er mich. “Wie? Nee, woher hast du das?” “Das hat mir Richard aus deiner Werbeklitsche erzählt. Mit dem war ich gerade essen”, sagt Tom. “Ich habe keine Ahnung, wovon du redest, aber ich treffe mich am Sonntag mit Natalia aus dem Internet”, entgegne ich und deute auf meine Uhr um ihm klarzumachen, dass ich nur 30 Minuten zum Essen zur Verfügung habe. “Nicht, dass du noch zum Berlin-Stecher wirst”, wirft er mir beim Weggehen zu und verschwindet in der Novalisstraße. ‘Idiot’, denke ich und füge dem Kontakt von Richard in meinem Handy das Wort “Arschloch” hinzu.

Die darauffolgenden Tage vertreibe ich mir damit, mir über mein Outfit und die Dinge, die ich am großen Tag erzählen werde, Gedanken zu machen. Ich bin etwas aus der Übung, was solche Blind-Dates angeht und bin mir sicher, dass ich mir mit etwas Vorbereitung die Aufregung nehmen kann. Als ich am Sonntag aufwache, schlägt mein Herz wie das eines gejagten Hirschen. Ich verbringe den Tag schreibend und Gitarre spielend auf meinem einzigen Hocker in der Küche. Um 19:00 Uhr schmeiße ich mich nach einer gründlichen Waschung in den bereits seit vier Tagen auf dem Schrank liegenden Kleiderstapel und mache mich auf nach Mitte und gehe ohne Umwege in das Lokal, in dem wir uns verabredet hatten. An einem der Tische sitzt ein schwarzhaariges Mädchen, deren Attraktivitätsgrad dermaßen hoch ist, dass man für sie auf der Zehnerskala zwei Punkte hinzufügen muss. Ich hatte ein Foto von Natalia im Internet gesehen, dieses war zwar halb angeschnitten und recht überbelichtet, aber ich habe sie sofort erkannt. Ich gehe lächelnd auf ihren Tisch zu und frage: “Schnubbinchen28? Friendscout?”. Sie schiebt ihre Augenbrauen zusammen, so dass sich zwei senkrechte Falten über ihrer Nase bilden. Plötzlich höre ich aus dem hinteren Teil des Restaurants ein aufgeregtes “Hiiieeer!”. Ich drehe mich um und sehe wie ein unscheinbares Blümchen mit dunkelbrauner Kurzhaarfrisur in meine Richtung fuchtelt. Ich sage leise “Scheiße” zu Angelina Jolie und gehe rüber zum gestikulierenden Pagenschnitt. “Hallo, ich bin Natalia, du musst Benjamin sein. Ich habe dich direkt erkannt.” “Naja”, sage ich, “ich habe ja auch ein Foto von MIR ins Profil gestellt.” “Ja, ich weiß”, entgegnete sie, “das Foto ist schon etwas älter, da hatte ich noch lange Haare und war so dolle geschminkt. Das ist von einem Shooting, das ich mal beim Praktikum gemacht habe.”

Eigentlich sieht sie ganz süß aus unter ihrer bekloppten Frisur und so halte ich meine Spaghetti mit der Gabel manchmal so hoch, dass, wenn ich durch die Nudeln sehe, ich mir ausmalen kann, wie sie mit langen, blonden Haaren aussehen könnte. Frauen, die man über Kontaktanzeigen kennenlernt, seien sie gedruckt oder digital, haben die Angewohnheit beim ersten Date eine Art Fragenkatalog abzuarbeiten. Willst du Kinder? Gehst du gerne raus? Treibst du Sport? Was hörst du so für Musik? Bei der Beantwortung dieser Fragen hätte ich die volle Punktzahl erreichen können, wenn ich bei der Sportfrage nicht “Mit dem Rad zur Arbeit” gesagt hätte. Meine Fragen waren gänzlich anderer Natur. Hast du einen Esstisch mit fünf bis sechs Stühlen? Besitzt du ein Bügeleisen?

So vertreiben wir uns die erste Stunde und stellen fest, dass wir uns doch recht sympathisch sind und auch zu tieferen Themen übergehen können. “Deine Trennung ist ja noch gar nicht so lange her”, sagt sie. “Eine Kollegin von mir hat sich auch vor sechs Wochen von ihrem Freund getrennt und jetzt will der Wichser schon eine andere heiraten, weil sie von ihm schwanger sein soll – eine aus dem Internet.” “Das geht aber fix”, gebe ich zurück. “Wie lange waren die beiden denn zusammen?” “Sieben Jahre”, antwortet sie. “Und woher weißt du, dass sie schwanger ist?”, frage ich. “Man kennt sich ja in den ganzen Agenturen hier. Ich habe das gestern von meiner Kollegin Steffi aus dem Sales erfahren, die ist mit Marcs Bruder von ‘Wolfsmilch-Werbung’ zusammen, der hat es von Katja aus der Grafik bei ‘Klee und Stocksteiner’, die ist Mitbewohnerin von so einem Tom, der mit einem Kollegen von dem besagten Exfreund essen geht. Wie der heißt, weiß ich allerdings nicht.” “Richard”, sage ich und füge “der hat’s von Nina” hinzu. Ich frage sicherheitshalber, um welche Kollegin und Agentur es sich handelt und registriere leicht blass, dass alle Fakten passen. Ich gebe Natalia zu verstehen, dass wohl ich damit gemeint sein soll, doch bevor ich ihr erklären konnte, dass sie die Schwangere ist, die ich bald heiraten werde, befördert sie den Rest Merlot aus der Karaffe auf mein neues Fünfzig-Euro-Slim-Line-Hemd und verlässt, das Wort “Wichser!” in den Raum brüllend, das Lokal. Merkwürdig wie die stille Post in der Berliner Medienszene funktioniert. Ich krame mein Handy aus der Tasche und ergänze die Kontakte von Nina und Tom jeweils um das Wort “Arschloch”. Während ich mir den Wein mit einem Dutzend Papierservietten vom Hemd tupfe, legt mir Angelina Jolie einen kleinen Zettel mit ihrer Telefonnummer auf den Tisch und verschwindet grinsend durch die Eingangstür ins abendliche Berlin.


Regen in Berlin

Feb 2009
22

Baum in Regen in Berlin

Ich steh am Bordstein und die Straßen
sind vom Regen aufgefüllt
Dünne Striche vor Laternen
und Berlin in Grau gehüllt
Ich schreibe diese Worte
auf ein weißes Stück Papier
falte mir ein kleines Boot
und fahr im Rinnsal bis zu Dir

Wie Odysseus gegen Erlen
kämpft Versuchung gegen mich
Gebunden an den Mast
denk ich mit Leidenschaft an Dich
Ich ignoriere den Gesang
um nicht an Klippen zu zerschellen
Und die Lichter von Aiaia
tanzen auf den schwarzen Wellen

So steh ich hier am Bordstein
auf dem Weg nach Ithaka
Der Fernsehturm im Nebel
ist so unerreichbar nah
Und wenn in Deinem Herzen
eine gleiche Sehnsucht wohnt
hat sich jede der Strapazen
hunderttausendfach gelohnt

Etwas Wochenend-Lyrik – passend zum Wetter. Bitte seid nachsichtig mit der naiven Reimform – es ist mein erstes “Gedicht”.


Berlina Familia

Feb 2009
14

Dollar in Berlina Familia

Ich erwache auf dem blanken Boden meines Wohnzimmers. Ein kleiner, aber dennoch wuchtiger Sonnenstrahl quetscht sich durch den lieblos angeklemmten Vorhang aus dickem, hautfarbenem Leinen. Ich habe meine Jacke und Hose noch an, stinke nach Zigaretten und süßem Parfüm.

Beim Aufstehen fällt mir ein Bündel Dollarnoten aus der Tasche. Ich wundere mich etwas, aber nicht nur, weil man in Berlin seit mindestens sechzig Jahren nicht mehr mit Dollar bezahlt, sondern auch, weil dort, wo sonst das Gesicht George Washingtons abgebildet ist, ein nackter Frauenhintern leuchtet. Auf einem der Scheine steht: “Call me! Melinda!”, daneben eine unleserliche Telefonnummer, die mit Lippenstift geschrieben zu sein scheint. Ich mache den üblichen Check: Schlüssel, Handy, Bankkarten, Kreditkarte – alles noch da, nur der Schal scheint abhanden gekommen zu sein. Schon wieder. Die Wohnung wirkt umgeräumt. Ich schiebe meinen Körper in Richtung Schlafzimmer. Im Flur steht ein für mich unsichtbarer Koffer und ich stürze recht schwer gegen die hölzerne Wohnungstür. Überall fehlen Sachen. Außer, dass die meisten Möbel weg sind, fällt mir auf, dass meine Freundin nicht mehr da ist, und ich beginne meine Erinnerungsfetzen wie Tom Cruise in “Minority Report” zu einem dreidimensionalen Objektplan zusammenzufügen. Sie ist ausgezogen – vor circa einem Monat – und gestern scheint mir wohl klar geworden zu sein, dass ich wieder Single bin. Da im Schlafzimmer kein Bett mehr zu finden ist, quäle ich mich ins Bad. An der kaputten Duschwand hängt ein kleiner Zettel und dreißig Euro. “Sorry wegen der Duschwand. Ich muss weg. Lisa.” ‘Wer ist Lisa?’, denke ich und beginne mich auszuziehen. In meiner Hosentasche finde ich ein Flugticket. Von Berlin nach Barcelona, heute Nacht 23:42 Uhr. Jetzt ist es 18:01 Uhr. Die alkoholbedingte Amnesie löst sich schlagartig in Luft auf. Ich will die Stadt verlassen. Für immer weg aus Berlin, weg von meiner Ex und weg von meinem scheiß Leben ohne sie. Ich dusche mir ein merkwürdiges Glitzerzeug von der Brust, ziehe die stinkenden Klamotten vom Vortag an und mache mir einen schnellen Toast. In Barcelona ist es um diese Jahreszeit auch nicht gerade heiß und so verlasse ich aspirinkauend die Wohnung, um mir vor Abflug noch einen neuen Schal kaufen zu gehen.

Im Späti gegenüber hole ich ein paar Zigaretten. Das Rauchen hatte ich mir zwar abgewöhnt, doch im Moment geht es einfach nicht anders. Die süße Verkäuferin strahlt mich an, als hätte sie eben zwei Millionen im Lotto gewonnen. Merkwürdig, wo sie mich doch sonst mit dem Arsch nicht anguckt. Wahrscheinlich ist gerade meine neue Single-Ausstrahlung bei ihr angekommen, wäre das ein paar Tage vorher passiert, hätte ich sie gefragt, ob sie mit nach Barcelona kommt. Denn ihr Gesicht, dass aus dem feuerroten Mittelscheitel hervorsieht ist aus purem Zucker und hat die Farbe von chinesischem Porzellan. Ich laufe zur U-Bahnstation der U5. Die frische Winterluft Berlins beginnt mich mit tausend kühlen Berührungen endgültig wach zu küssen. Ich werfe noch einen Blick Richtung Alex und denke an die Sagrada Familia, die mir ab morgen ein neuer Fernsehturm sein wird.

In der Bahn sitzen mir zwei Mädchen gegenüber, sie grinsen mich an, drehen sich zueinander und beginnen zu tuscheln und zu kichern. ‘Das ist mir ja seit fünfzehn Jahren nicht mehr passiert’, denke ich. Ich grinse zurück, strecke die Zunge heraus und bedanke mich mit den Augen dafür, dass sie mir den Tag verschönern. Sie kichern und lachen die gesamten zwei Minuten, welche die Bahn von der Samariterstraße bis zum Ringcenter braucht. Beim Aufstehen gebe ich einem alten Opa, der neben mir sitzt, einen Satz mit auf die Weiterfahrt: “Sie die Linke, ich die Rechte.” Ich ernte ein freundliches Nicken und verschwinde leichtfüßig durch die Tür. Wenn man 15 Kilo Körpergewicht weniger mit sich rumschleppen muss, ist es nicht nur möglich, sondern man ist geradezu herausgefordert hier und da etwas schneller zu gehen, eine Stufe zu springen oder, wie eben, im letzten Moment aus der Bahn zu hüpfen. So viele von meinen teuer im “Mädchenitaliener” angefressenen Kilos hat meine Exfreundin bei ihrem Auszug mitgenommen.

Im Ringcenter laufe ich geradewegs in den H&M, schnappe mir einen grauen Schal vom Accessoires-Regal für Herren und gehe rüber zur leeren Kasse. Hinter der Theke steht eine attraktive Vierzigjährige in knallenger schwarzer Stoffhose und einem lila Top. “Lila ist die Farbe der sexuell Frustrierten”, sage ich zu ihr. Das war das Einzige, was ich mir aus dem Farbpsychologiekurs meiner Uni bis heute gemerkt habe, weil es so absurd klingt und immer wieder mal für Lacher sorgt. Ihre Augen verlassen meinen neuen Schal und suchen die meinen. Ein Lächeln zieht sich über ihr gesamtes Gesicht und sie muss sich zurückhalten, um nicht in schallerndes Gelächter auszubrechen. Sie tastet mein Gesicht mit ihren Blicken ab, und benetzt sich die Unterlippe. “Dann stecken die Designer von H&M wohl alle gerade in einer sexuellen Krise. 14 Euro 99 bitte.” Ich schaue mich um. Die Regale und Kleiderständer sind voller lila Klamotten. “Man, es wird Zeit, dass es wieder Frühling wird”, entgegne ich ihr und lasse – mich wegdrehend – fünfzehn Euro auf die Theke fallen. Ein cooler Abgang ist wichtig. Am Ausgang des Geschäftes blicke ich zurück. Sie steht dort mittlerweile mit einer Kollegin und ich sehe wie sie feixend mit dem Finger auf mich zeigt, während ich um die Ecke biege. ‘Meine Fresse, was für ein Tag’, denke ich. In den letzten Jahren, waren Frauen – mit Ausnahme meiner eigenen – kein Thema mehr für mich und so habe ich wohl gar nicht gemerkt, wie meine Wirkung auf die Berlinerinnen wie ein guter Wein gereift zu sein scheint, und dass heute die große Weinprobe ansteht, die mein Selbstbewusstsein aufbläst wie eine Luftmatratze.

Wenn ich an Wein denke, möchte ich Wein trinken. Es ist 19:46 und ich beschließe ein letztes Glas im “Wein-Salon” in der Schreinerstraße zu trinken. Eine Art Abschiedsritual zur Erinnerung an die letzten viereinhalb Jahre Berlin und meine zukünftigen in Barcelona. Während ich die Rigaer Straße entlang schlendere und die zugesprayten Hauseingänge ansehe, überkommt mich etwas Wehmut. Vor einem Monat hätte ich wie Clive Owen auf der Berlinale noch gesagt: “Berlin ist die aufregendste Metropole Europas.” Doch in den letzten Wochen hatte ich das Gefühl diese Stadt ist der dunkelste Ort, an dem ein Mensch sein kann. Die Leute waren grau, traurig und jeder starrte mich an, als wolle er am nächsten Abend einen beschissenen Beitrag über mich in seinem scheiß Blog schreiben. Aber irgendwie und gerade deswegen, hatte die Dunkelheit dieser Stadt, auch den Effekt, dass meine Freunde um so heller strahlten.

Im “Wein-Salon” steht eine neue Bedienung hinter der Theke. Obwohl ich sie nicht kenne, starrt sie mich an, als wäre ich nach endlos leeren Tagen der erste Gast, der durch die Tür kommt. Dabei ist der Laden, obwohl er gerade erst aufgemacht hat, bis zum Rand gefüllt. “Ein Glas Aventino bitte”, sage ich und mein Wunsch wird prompt erfüllt. Als sie mir das Glas gibt, berühren sich unsere Finger für eine Sekunde und sie beginnt zu grinsen. Langsam wird es mir unheimlich. Was ist heute los mit den Frauen? Ich suche mir eine Stelle in der Nähe der Wand, nippe am Aventino und begutachte das anwesende Publikum. Eine aufregende Mischung aus den Punks meiner Nachbarschaft, den Übriggebliebenen der “echten” linken Szene und ein paar Medienheinis aus dem Samariterviertel. Mein Blick bleibt an einem hübschen Mädchen in der Ecke hängen. Sie hat einen Hauch Gothik aufgetragen und ihre Lider sind so tiefschwarz angemalt, dass das Weiße ihrer Augen leuchtet wie zwei kleine abnehmende Monde. Wenn dies heute nicht nur mein letzter Abend in Berlin, sondern auch der Flirt-Tag des Jahrhunderts ist, sollte ich die Chance nutzen und in die Offensive gehen. Sie sieht zu mir und lächelt. Ihr Gesicht ist blass und wie mit Aquarellfarbe in die dunkle Ecke des Raumes gemalt. Als meine Blicke an ihrer schwarzen Stumpfhose angekommen sind, bemerke ich eine Laufmasche, die sich von ihrer Hüfte bis zum Fuß erstreckt, aus ihrem Schuh hängt die lose, hauchdünne Schnur. Mit den Augen folge dem feinen Strich über den Boden des “Wein-Salons”, der sich wie der Ariadnefaden durch das Labyrinth aus Sperrmüll-Möbeln bis zur Eingangstür zieht. Ich stehe auf und folge der Spur aus der Kneipe bis zu einem roten Astra vor dem Lokal. In Kniehöhe der Fahrertür endet der dünne Faden. Ich krame ein Stück Papier aus der Tasche und schreibe: “Du hast eine Laufmasche”, nebst meiner Handynummer darauf und klemme ihn unter den Türgriff.

Wenn ich pünktlich am Flughafen sein will, mache ich mich besser auf den Weg nach Hause, soweit man das noch als mein Zuhause bezeichnen kann. Ein “Zuhause” ist doch ein Ort, wo man jemanden hat, der einen liebt. Alles andere ist doch egal. Ich überlege, was ich eigentlich in Barcelona will, denn dort kenne ich niemanden und schon garniemanden, der mich liebt. In der Wohnung angekommen, setze ich mich auf meinen Koffer und denke über die lächelnden und grinsenden Frauen meines letzten Abends in dieser Stadt nach. Plötzlich klingelt mein Handy. Es ist das Mädchen mit den leuchtenden Augen aus dem Weinladen. “Danke für den Hinweis mit der Laufmasche. Du hast übrigens den ganzen Mund voller Nutella.” Ich springe auf und renne ins Bad. Tatsächlich mein Mund ist komplett zugeschmiert mit Schokocreme vom Frühstückstoast. Die letzten Stunden rauschen innerhalb einer Sekunde vor meinem inneren Auge vorbei. Die Mädchen in der Bahn, die Verkäuferin, die Zucker-Frau aus dem Späti. Ich beginne lauthals zu lachen. Das Mädchen am Telefon lacht bereits ununterbrochen. Als wir nach ein paar Minuten wieder zur Ruhe kommen, reden wir über andere peinliche Geschichten aus unserem Leben, über Berlin und über Freunde. Und als die Abflugzeit meiner Maschine verstrichen ist, beginne ich langsam während des Telefonats meinen Koffer auszupacken.

Dank an: Dennis


Fotogalerie

Feb 2009
01

Mein Berlin besteht nicht nur aus Texten, sondern auch aus Fotos. Ich möchte Euch auch in dieser Disziplin an meinem bescheidenen Schaffen mit der Serie “Bahn” teilhaben lassen. Ich hoffe das hilft Euch und mir über meine schicksalsbedingte Schreibblockade hinweg.

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Neujahrsvorsatz

Jan 2009
12

Feuerwerk in Neujahrsvorsatz

Es ist 14:00 Uhr und meine punkigen Nachbarn tragen ihr erstes Sternburg spazieren. Ein Kampfhund zerfetzt eine Lidl-Tüte vor dem Fahrradladen, während ein Mischling versucht ihn dabei zu begatten. Der Friedrichshain erwacht langsam. Ich mache mich auf den Weg ins Büro Richtung M10 und frage mich, warum die Gehwege in meinem Bezirk nicht gestreut sind, die in Mitte und im Prenzlauer Berg aber schon. Vielleicht meint die Stadtverwaltung, dass unsere Punks im Gegensatz zu den Marketingleitern da drüben immer Profilschuhe tragen und daher nicht so oft stürzen.

Ich fahre sehr gerne mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, denn sie sind nicht nur der beste Zugang zu den Menschen, die hier leben, sondern auch ein guter Platz zum Nachdenken. Zu dieser Uhrzeit ist die Bahn recht leer und ich habe eine komplette Vierersitzgruppe für mich alleine. Das neue Jahr hat begonnen und ich denke darüber nach, welchen guten Vorsatz ich mir stellen könnte. Ich bin normalerweise kein Fan von diesen Dingen, aber die Stimmung der ersten Januartage gibt mir das Gefühl eine Kleinigkeit an meinem Leben ändern zu müssen.

Am Arnswalder Platz steigt ein türkisches Pärchen ein und setzt sich mir gegenüber. ‚Toll’, denke ich, ‚die ganze Bahn ist frei und die müssen sich zu mir setzen.’ Die beiden sind kaum älter als achtzehn und ihr Styling malt das Klischee der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den buntesten Farben aus. Sie trägt eine schneeweiße Daunenjacke mit grauem Kunstfellbesatz zu einer engen Jeans und nagelneuen weißen Adidas-Sneakers. Ihre Haare sind lang, lockig, pechschwarz und sie hat an diesem Tag mehr Make-up aufgetragen als meine Freundin in einer Woche. Ich stelle mir vor, wie sie sich morgens, gekleidet wie eine anatolische Internatsschülerin, von ihrer kopftuchtragenden Mutter verabschiedet. Sie hat die Jeans und Schminksachen im Rucksack verstaut, läuft die Karl-Marx-Straße hoch und trifft sich mit ihrer bulgarischen Klassenkameradin auf der McDonald’s-Toilette, um sich umzuziehen. Sie schwänzt die ersten zwei Stunden, um sich mit Okan zu treffen – ihrem Freund, den sie wie alles andere in ihrem Leben vor ihren Eltern verheimlicht. Wozu sollte sie auch so viel Zeit in die Schule investieren, wenn sie erst einmal verheiratet ist, wird sie sowieso zu Hause bleiben, wie alle Frauen in ihrer Familie. Okan geht schon seit zwei Jahren nicht mehr zur Schule, und wenn, dann nur um seinen kleinen Bruder abzuholen, der Angst hat, alleine nach Hause zu gehen, weil sein Vater, ein kurdischer Fabrikarbeiter, die Hand recht locker sitzen hat und lieber mit den Würfeln im Teehaus spielt als mit seinen Kindern im Park. Okan, hat sich heute den eleganten Wintermantel von seinem Onkel geliehen, der ihm ein Bewerbungsgespräch in einer türkischen Schreinerei im Wedding organisiert hat. Die beiden sitzen mir still gegenüber, schauen sich an, dann wieder aus dem Fenster, dann in der Bahn umher. Wahrscheinlich machen sie sich Sorgen, weil dies Okans letzte Möglichkeit ist, sein Leben auf die Reihe zu bekommen und nicht wie sein älterer Bruder zu enden, der seit August mal wieder im Gefängnis sitzt. Unter den Türken in Berlin kennt jeder jeden und sie haben Angst miteinander erwischt zu werden.

An der Bernauer Straße verspüre ich das Gefühl, dem Paar viel Glück wünschen zu müssen und hoffe, dass das Bewerbungsgespräch gut verlaufen wird. Ich lasse es aber doch lieber sein, weil Weihnachten längst vorbei ist und jeder mit seinem Leben selbst klar kommen sollte. Ich bin erleichtert über meine Schulausbildung, mein Studium und die berufliche Situation, in der ich mich befinde. Zwei Sitzreihen weiter klingelt ein Handy. Der Pianomelodie-Klingelton ist dermaßen nervig und so laut eingestellt, dass ich völlig aus meinen Gedanken gerissen werde. Ich schaue zu Okan und seiner Freundin, um einen Blick der Bestätigung zu erhalten. Er wippt leicht im Takt der klassischen Musik und sagt: „Georg-Friedrich Händel“. „Aus Lotario“, ergänzt sie leise und blickt dabei aus dem Fenster auf die letzten Stücke der Berliner Mauer. Die Bahn rollt die übrig gebliebenen Meter zur Endstelle. Während alle Fahrgäste die Bahn verlassen und die beiden beginnen sich angeregt auf Portugiesisch zu unterhalten, ärgere ich mich ein wenig darüber, dass ich noch immer keinen Vorsatz fürs neue Jahr habe.


Weihnachten hin und zurück

Dec 2008
24

Oberleitung in Weihnachten hin und zurück

Wenn die Weihnachtszeit anbricht, trennt sich in Berlin die Spreu vom Weizen beziehungsweise die Spree von Rhein. Zur Freude der Berliner fahren die Zugezogenen nach Hause. Im Sekundentakt hört man am Fahrkartenschalter des Ostbahnhofs: Fulda, Freiburg, Kassel, Köln. Die Weihnachts-Spezialeinheiten der Deutschen Bahn AG, die in diesen Tagen an den Schaltern sitzen, haben die Anweisung aus Zeitgründen Sparpreise zu verheimlichen, auf Service zu verzichten und die Mehrzahl der Kunden an die Automaten zu verweisen. Auch ich stehe in der Schlange der Zugezogenen, denn auch ich fahre zumindest am Heiligabend ins heimatliche Dortmund. Meine Schaltertippse ist etwa Mitte dreißig, leicht dicklich und trägt eine der asymmetrischen Frisuren, wie sie heutzutage in Lichtenberg gern getragen werden. Auf Ihrem Namensschild steht: Es bedient Sie Frau Lampe. ,Lustig!’ denke ich und schreibe in Gedanken ein S-c-h vor ihren Namen. Mit einem Kaugummi in der Backentasche sagt sie: „Dortmund! Richtig? Ick sach sie wolln’ nach Dortmund. Ick wette mit die Kollegen und Sie sind mein Punkt zum Sieg.” ,Die blöde Kuh!’ denke ich. ,Woran sieht man das?’. Ich reflektiere meine Klamotten und meinen Gesichtsausdruck. Seit vier Jahren trainiere ich den Dialekt weg und versuche so wenig wie möglich nach Ruhrgebiet auszusehen und jetzt sackt die Wettkönigin von der Eisenbahn auf Kosten meiner Herkunft einen Kasten Bier ein. Ich lehne mich auf die Granit-Theke und setze den Blick auf, mit dem ich vor sieben Jahren meine Freundin rumgekriegt habe: „Pech gehabt, Frau Lampe, Ulm ist Trumpf. Heute hin und morgen zurück bitte.” „Ulm?” Sie mustert mich. „Sie sehn überhaupt nich aus wie Ulm.” Mit gespitzen Lippen kontere ich: „Nicht jede Lampe ist helle.” Der Drucker druckt zwei Ulm-Tickets aus. 254 Euro kostet mich der Spaß, hätte ich Leipzig gesagt, wären es nur 42. Auf dem Weg zum Fahrkartenautomaten frage ich mich, wie und wann man denn zum echten Berliner oder zumindest zum Wahlberliner wird. Ist es mein Gang oder meine Art zu reden? Was muss ich tun, wen muss ich kennen und was kostet mich das alles. Ich klicke mich mühsam durchs Automatenmenü, denn nach Dortmund muss ich ja nun trotzdem noch. „Ihre EC-Karte ist überlastet – Zahlung nicht möglich”, sprach der Automat und trat meinen letzten Rest Weihnachtstimmung aus wie eine alte Kippe. Ein lautes „Danke!” ins DB-Servicecenter und einen Mittelfinger in Richtung Automat dienen als Untermalung für meinen Abgang.

Ich rufe meine Mutter an und teile ihr mit, dass ich dem Weihnachtsfest aufgrund einer Magenverstimmung nicht beiwohnen könne und verstelle dabei meine Stimme, als ob ich auf dem Klo säße.

Vor dem Bahnhof konzipiere ich mein neues Weihnachtsprogramm. Wenn die ganzen Leute nicht in der Stadt sind, müssten doch die coolen Mitteläden wie leergefegt sein. An normalen Tagen kommt man ja kaum oder gar nicht hinein – von einem Sitzplatz mal ganz zu schweigen. Ich mache mich auf zur Neuen Schönhauser Straße. Endlich kann ich alle Lounges, Bagel-Shops und Berlin-Label-Stores begutachten, ohne mit meiner Jacke an Powerbooks, Freitag-Taschen und iPhone-Headsets hängen zu bleiben. Für einen Einstiegskaffee wähle ich das „Caras”. Zu meinem Erstaunen ist der Laden rammelvoll. Ich wühle mich wundernd durch die drängelnden Gäste und höre an den Gesprächsfetzen, dass der ganze Laden voller Berliner ist. An der Theke spricht mich ein junger Mann an. „Endlich wa? Ma drei Tage unter uns. Dit, nenn ick jelungne Weihnachten. Hier kannste sonst kaum loofen vor Spaniern.” Ich nicke zustimmend. „Du, wir jehn leich noch ins White Trash uff Berlin-Party. Willste mit?”

Tja, da stehe ich nun und bin ein Berliner.

Ein bißchen so wie Kennedy damals: irgendwie umstandshalber und irgendwie leihweise, aber wenigstens aus voller Überzeugung.

Auf dass auch Eure Wünsche sich erfüllen. Frohe Weihnachten an die KINDERVATTER-Leser!


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Hinweise

Besuchen Sie auch www.kindervatter.de.