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Wir bleiben alle!

May 2011
24

liebig14
Unsere Nachbarn in Frankreich demonstrieren gerne. Jede noch so kleine Einschränkung der bestehenden Lebensqualität durch den Testosteronpräsidenten straft der gemeine Franzose mit gezielter Arbeitsniederlegung. Marianne, meine Freundin aus Paris, lebt zwar im Berliner Exil, dennoch entflammt ihr sozial-patriotisches Herz, wenn zwischen Normandie und Provence der Milchpreis dermaßen sinkt, dass die Bauern sich die Gänsestopfleber fürs Abendbrot nicht mehr leisten können. Sie fühlt sich dann berufen ihre Landsleute aus der Ferne zu unterstützen und legt ebenfalls die Arbeit nieder – zumindest die unbezahlte. In ihrer Firma in Mitte hätte man kein Verständnis für ihre Solidarität mit den Milchbauern und so sehe sie keine andere Möglichkeit, so erklärt sie mir, als ihren Anteil an der Hausarbeit niederzulegen. Ich müsse diesen symbolischen Akt respektieren, wenn ich sie lieben würde, meint sie. So kommt es daher regelmäßig dazu, dass ich nach zehn Stunden in der Medienbranche, französische Söckchen zum Trocknen aufhänge, Bettwäsche wechsle und das Essen zubereite, während Marianne auf der Internetseite von ‘Le Monde’ die Lage in Paris verfolgt.

“Du setzt disch für nischts ein, was?”, fragt Marianne.

“Natürlich setze ich mich für etwas ein! Ich gebe jedem Punk in meiner Nachbarschaft, der mich fragt, einen Euro oder eine Zigarette.”

Das kostet mich im Monat etwa 20 Euro und eine Schachtel Kippen. Wenn die Punks in meiner Straße rumhängen, bleibt der Attraktivitätsgrad der Wohngegend dementsprechend stabil und niemand kommt auf die Idee hier irgendwas zu investieren oder gar meine Miete zu erhöhen. Bei einer durchschnittlichen Mieterhöhung von fünf Prozent wäre ich bereits fünfunddreißig Euro monatlich los und würde, wahrscheinlich aus Frust, auch noch anfangen selbst zu rauchen.

“Das reischt nischt”, meint Marianne, “vielleischt solltest Du disch auch einmal ernsthaft mit deinem Kiez auseinandersetzen.”

Ich liebe es, wenn sie Kiez sagt. Wir wohnen in Berlin-Friedrichshain, einer ehemaligen Hochburg der linken Szene mit allerlei Hausbesetzern, Künstlern, Trinkern und sonstigen Gestalten, die langsam, aber sicher der Gentrifizierung zum Opfer fallen und in die entlegenen Stadtteile außerhalb des S-Bahn-Rings ziehen müssen.

Ein Flyer flattert in meinen Briefkasten. ‘Liebigstraße 14 bleibt’, steht in einer Pinselschrift darauf nebst dem Hinweis zum heutigen Protestmarsch durch den Bezirk. Anscheinend schlägt der Kapitalismus mit einer Besetzerhausräumung zu, um weiteren Platz für süddeutsche Gesellschaftsaussteiger zu schaffen. Ich spüre in mir die Unart reifen, gegen die Zugezogenen, die nach mir kommen, zu protestieren. Gleichzeitig ist die Demo für mich aber auch ein Ticket zur Bewunderung durch meine basisdemokratische Freundin. Marianne ist bei einem Xing-Treffen der Gruppe “Franzosen in Berlin”. Ich beschließe, sie mit einem Anruf aus dem Gefängnis von meinem Lokalengagement zu überzeugen. Ich schaue aus dem Küchenfenster aufs Alkimeter. Je nach Außentemperatur versammelt sich vor dem Späti gegenüber eine Anzahl junger Männer, um gemeinschaftlich ein paar Sternbug Pils Export zu trinken. Ein durstiger Mann – ein Grad, zwei durstige Männer – zwei Grad und so weiter. Im Bereich zwischen einem und 20 Grad ist das Alkimeter genauer als das digitale Ding, das mir meine Mutter zum Einzug geschenkt hat. Außerhalb dieses Temperaturbereichs zeigt das Messinstrument allerdings einen exponentiellen Wert an. Im Hochsommer stehen dort an die fünfzig durstige Männer. Heute sind es fünf.

Warm eingepackt komme ich am Treffpunkt Boxhagener Platz an. Es ist schon eine Menge los. Polizeimannschaften, Jusos, Grüne, die Kids von der Antifa, einige Kiezanwohner sowie an die tausend Studenten und Studentinnen der Fotografie im ersten Semester lümmeln erwartungsvoll neben der totgetretenen Wiese herum. Ich stehe zwischen den grinsenden Mädels mit den Bench-Jacken und den digitalen Spiegelreflexkameras, werde zuerst angestarrt, dann hemmungslos fotografiert. Meine Eitelkeit zieht mir den Schal ins Gesicht und ich schlendere rüber zum schwarzen Block an der Spitze des Zuges. Dort falle ich nicht so auf, denn auch ich bin völlig schwarz gekleidet mit Kapuze und Handschuhen. Eine einleitende Lautsprecherdurchsage der Polizei weist die Demonstranten freundlich darauf hin keine Glasflaschen mit sich zu führen. Allgemeines Gelächter. Ich habe eine Flasche Bionade dabei, bin aber heute dermaßen rebellisch, dass ich den Aufruf schlichtweg ignoriere. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Die Stimmung ist gut. Es werden Parolen gerufen. “A – Anti – Antikapitalista!”, “Die Häuser – denen – die drin wohnen!” Ich sehe vor meinem geistigen Auge die dicken Früchte der Anerkennung wachsen, die ich später vom Baum meiner Beziehung pflücken werde.

Neben mir läuft ein Punk, dem ich letztens einen Euro gegeben habe, und grüßt mich freundlich. Ich biete ihm eine Zigarette an. Er erzählt mir, dass er in der Liebig 14 wohnte und eigentlich einen gültigen Mietvertrag hatte, den er durch das Spekulationsmanöver der Eigentümer aber verlor. Er heißt Freddy. Die zukünftige Miete seiner Wohnung könne er sich nun nicht mehr leisten, weil er gerade eine Umschulung mache und er nun übergangsweise bei Freunden schlafen müsse, was für seinen kleinen Sohn nicht so gut wäre. Wir biegen in die Revaler Straße ein.

“Warum hast du dir keine Wohnung gesucht, als du den Räumungsbescheid bekommen hast?”

“Habe ich ja, aber innerhalb des Rings gibt es wegen der ganzen Medien-Bayern kaum noch bezahlbare Wohnungen und so ohne Auto – kannste vergessen. Ich kann nicht so weit draußen wohnen, wir haben den Kita-Platz und ich muss jeden Tag zur Schule. Ich hab’ auch keinen Bock mich in Köpenick in die Hütte meiner Alten zu hocken. Ich bin froh, dass ich da raus bin.”

“Du kannst ja nicht jeden, der in deinen Kiez zieht, für die Gentrifizierung verantwortlich machen.”

“Mache ich auch nicht. Aber viele suhlen sich im Schatten irgendeiner Szene, wie meiner. Neoromatiker, auf urbaner Abenteuersuche, deren eigenes Leben so öde ist, dass sie glauben eine Altbauwohnung in einem zugesprayten Haus würde irgendwie verhindern können, dass die mal so spießig werden wie ihre Alten in Stuttgart.” Er mustert meine Kleidung.

“Meine Eltern wohnen in Köpenick”, sage ich lakonisch und mache mit mir selbst aus, dass es okay wäre an dieser Stelle ein wenig geflunkert zu haben.

Freddy schaut mich ernst an und schweigt. Dann hält er mir seine Flasche Bier zum Anstoßen hin. Ich hole meine Bionade aus der Tasche und erwidere die Geste. Still trotten wir weiter.

Die Sprechchöre haben sich auf ein anderes Thema fixiert. Man skandiert: “Ganz Berlin … hasst die Polizei!” und “Gebt den Bullen die Straße zurück … Stein … für … Stein!” Einige Autonome haben sich mit osteuropäischem Feuerwerk eingedeckt und nehmen ein paar lautstarke Sprengungen vor. Über meinen Kopf fliegen ein paar Flaschen hinweg. Meist Sternburg Pilsener Export. In der Warschauer Straße, Höhe Grünberger geht es nicht mehr weiter. Die Polizei hat die Straße dicht gemacht und fährt drei Wasserwerfer auf. Mir geht etwas der Stift, habe ich doch noch die Fernsehbilder der letzten Bewässerung in Stuttgart im Kopf. Wahrscheinlich sitzen die besten Kanonisten der Berliner Polizei an den Wasserspritzen und suchen den Schützenkönig. Es ist voll und man kann sich kaum eigenständig in eine frei gewählte Richtung bewegen. Die Stimmung in meiner schwarzen Gruppe heizt sich auf und es wird spürbar, dass die eigentliche Forderung des Protests einer offensiven Aggression gewichen ist. Freddy habe ich verloren. Es wird gedrängelt. “Wasser marsch!”, schreit die Menge im Chor. Die Polizei knüppelt sich eine Schneise in die Demonstranten und baut sich vor dem Gleisbett der Straßenbahn auf, um die Masse davon abzuhalten sich nach einem Knüppelschlag auf die Seite der Gewaltbereiten zu stellen. Doch dafür ist es bereits zu spät. Hinter mir schlagen ziellos geworfene Schottersteine in der Schaufensterscheibe eines Cafés ein. Einen halben Meter weiter rechts und mein Gesicht wäre die Schaufensterscheibe gewesen. Die Polizisten bauen sich vor uns auf. ‘Ich habe genug demonstriert’, denke ich und suche nach einer Fluchtmöglichkeit. Die Spezialeinheiten mir gegenüber klopfen im Takt mit ihren Schlagstöcken auf das Schutzschild und zählen ab zehn runter. Ich komme mir vor wie bei Braveheart. “Ihr provoziert doch selbst die Situation”, rufe ich in die Richtung eines Beamten, wärend ich vergeblich versuche mich aus dem Pulk zu befreien. Der Polizist holt eine Videokamera hervor und beginnt mich lachend zu filmen. Die zwei Vermummten rechts und links neben mir brüllen mich an: “KETTE!”. Sie haken sich in meine Ellbogen ein und marschieren energisch auf die trommelnden Polizisten zu. Ich werde einfach mitgezogen. Es vibriert in meiner Jackentasche. Ich pfriemle akrobatisch mein Handy hervor. Es ist Marianne. Sie sagt, der Kampf der französischen Bauern sei gewonnen, sie hätte Milchreis mit warmen Pflaumen gemacht und dass ich zum Essen kommen solle.

Ein Wunder, dass mir nichts passiert ist. Ich schäme mich, dass ich mich so leichtsinnig und dumm in derartige physische Gefahr gebracht habe. Ich habe Marianne nicht erzählt, wo ich war und eigentlich hätte sie es auch nie erfahren, wenn auf dem Titelbild der heutigen Morgenpost nicht das Foto eines Autonomen mit iPhone und Bionade gewesen wäre.

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Westbesuch

Dec 2010
09

kurzgeschichte

Wenn ich etwas erzähle, entspricht es im Kern auch stets der Wahrheit – im Kern, denn zusätzlich zur Übergewichtstendenz hat mir meine Mutter die Neigung zur allgemeinen Über- und Untertreibung mit auf den Lebensweg gegeben. Zahlen und Werte sind in meinen Augen Variablen, die der Dramaturgie unterliegen und dementsprechend – und je nach Gesprächspartner – sinnvoll verformt werden. Wenn meine französische Freundin Marianne mich beispielsweise fragt, mit wie vielen Frauen ich in meinem Leben im Bett war, antworte ich: “Ich glaube fünf, wenn man Dich nicht mitzählt, aber ich muss dazu sagen, dass ich nicht immer auch verliebt war.” Auf die gleiche Frage antworte ich meinem Freund Micha: “Puh, so vierzig bis fünfzig, die im Vollsuff und im Urlaub nicht mitgezählt.” Meine Anpassungen der Wahrheit betreffen aber nicht nur Zahlen, sondern auch Fähigkeiten. So denkt beispielsweise meine Mutter ich könne Autos reparieren, Marianne verlässt sich in jedem dunklen Parkhaus auf meine Karate-Kenntnisse und ihr Vater glaubt, ich wäre einer der begabtesten Köche jenseits des Rheins.

“Eine gute Nachrischt Chéri, meine Eltern kommen uns endlisch mal besuchen”, empfängt mich Marianne, als ich abends nach Hause komme.

“Cool.”

Ich freue mich wirklich über diese Nachricht, denn so spare ich zwei Tickets nach Paris und die Autofahrt vom Flughafen in die Innenstadt, bei der es sich Mariannes Vater nie nehmen lässt mir zu zeigen, dass man mit einem Citroën locker jeden deutschen Wagen stehen lässt, der die Dreistigkeit besitzt vor einem auf der Autobahn zu fahren.

“Wann kommen sie denn?”

“Sie aben günstige Tickets bekommen und wir atten nischts geplant, da dachte isch es wäre ok. Also, ähm, sie kommen morgen”, sagt Marianne und macht dabei ein Gesicht wie ein Welpe. “Einen schönen Gruß soll isch dir von meinem Vater sagen und dass er sisch auf deine Küsche freut.”

Morgen?! Und er freut sich auf meine Küsche?! Mit Küsche meint er mein Essen. Ich kann schon etwas Brauchbares zubereiten, meine Eltern waren berufstätig. Sie warfen mir morgens einen Kohlkopf ins Kinderzimmer und ich sah zu, wie ich damit zurecht kam. Diese Erziehungsmethode der ostdeutschen Spätsiebziger mag pädagogisch umstritten sein, machte mich aber ernährungstechnisch recht unabhängig. Der französische Übervater (an dieser Stelle bitte ein paar Blitze und Donnern vorstellen) kocht ganz eindeutig auf Sterneniveau. Mein höflich gespieltes Interesse an den komplizierten Zubereitungsvorgängen und die Aussage Mariannes, ich könne auch sehr gut kochen, haben zur Folge, dass der Sonnenkönig nun höchstpersönlich vorbeikommt, um mich scheitern zu sehen und um seiner Prinzessin zu zeigen, dass die Laison mit einem Bürgerlichen aus dem preußischen Ödland keine Zukunft haben kann, und überhaupt, dass ich ein Versager bin.

Bei den Eltern anderer Frauen hätte ich einfach etwas beim Lieferservice bestellt und in der Küche eine Zwiebel in Butter für den authentischen Geruch angebraten, aber bei Marianne ist das etwas anderes. Dinge, die vorher unwichtig erschienen, sind nun bedeutend und dazu zählt in besonderer Weise auch die Rücksicht auf die Gefühle und Erwartungen einer anderen Person. Ein feuchter Film bildet sich auf meiner Stirn. Ich beginne Kochbücher neben mir zu stapeln, von Biolek bis Jamie Oliver. Einfallslose Geschenke einfallsloser Freunde, für die ich nun mehr als dankbar bin. Ich suche panisch nach einer Gourmetinnovation auf dem Niveau Gordon Ramseys und der Leistungsbasis von Bratkartoffeln mit Spiegelei. Koche ich etwas Einfaches, Traditionelles und hoffe auf den Kindheitserinnerungseffekt, der dem Film Ratatouille zu einem Happy End verhalf und den Restaurantkritiker Ego zu einem besseren Menschen machte? Oder lieber etwas Exotisches, bei dem man jedes Missgeschick als kulturelle Eigenart durchschmuggeln kann?

Als ich am nächsten Morgen mit meinem Gesicht auf Seite 216 von Ramseys “Sunday Lunch” erwache, entscheide ich mich spontan für das Gericht, das mir in dieser Nacht schicksalhaft als Kopfkissen diente. Getrüffelte Canard de Rouen mit Cognac-Jus und Feigen-Rosmarin-Pannacotta. Wenn ich schon mit dem Teufel Seelenpoker spiele, dann richtig. All in.

“368 Euro bitte”, sagt die Dame an der Kasse des Feinkostladens, die mir aufgrund ihrer beeindruckenden Oberweite bis eben noch so sympathisch erschien.

“Zwei Tickets nach Paris kosten im Schnitt 300 Euro”, sage ich zu ihr und werfe der Ziege meine Kreditkarte hin.

“Bitte?”

“Ach nichts.”

Ich stecke in die Sammelbüchse für die Erdbebenopfer von Haiti ein Zwanzigcentstück.

Das Logo des Feinkostladens auf den Tüten klebe ich mit Kreppband ab, weniger, um nicht überfallen zu werden, als vielmehr, um mein mühsam aufgebautes Image eines alternativen Gentrifizierungsgegners bei meinen Friedrichshainer Nachbarn nicht zu riskieren. Ich schwöre mir selbst, dass es eine einmalige Ausnahme sei.

Zu Hause angekommen beginne ich sofort zu kochen. So eine Ente braucht schon ein paar Stunden mit der ganzen Füllung, dem Salat, dem Käse – ich disponiere etwas um und ersetze aus Zeitgründen das würzige Feigen-Rosmarin-Pannacotta durch Brot. Marianne ist noch auf der Arbeit und holt danach die Rameauxs vom Flughafen ab. Derweil schneide, schmiere, reibe, fülle, seihe, brate, passiere und probiere ich, dass es eine wahre Pracht ist – ich habe einen guten Tag, halte mich an das Rezept und kann nach zwei Stunden das Vieh in den Ofen schieben. Alles ist vorbereitet, die Küche ist ein Schlachtfeld, die Katze rennt mit einem Entenkopf im Maul durch die Wohnung.

Marianne teilt mir per Telefon mit, dass sie etwas später kämen, da ihre Eltern im Zoll festhingen.

Na nu? Der Zoll glaubt nicht, dass sechzehn Flaschen Bordeaux nur den Eigenbedarf eines französischen Paares auf Berlintrip decken? Komisch. Die Verspätung ist aber auf Grund meiner eigenen Zollerfahrung – als Marianne in einem extra dafür gekauften Trolli voll Weichkäse durch die Gepäckkontrolle wollte – zeitlich bereits eingeplant. Ich stelle mir vor, wie der Zweimetermann mit seinen radkappengroßen Händen auf den Tisch des Zollbeamten schlägt und über die niedere Trinkkultur der Deutschen herzieht. “Wie gann man nur annähernd glauben, Sekt wäre mit Champagner su vergleischen?!”, rufe ich der Katze mit französischem Akzent zu. Minou spielt unbeeindruckt und puhlt ein Auge aus dem Entenkopf.

Auf einmal korrespondiert der in Vergessenheit geratene Teil meines Gehirns, der für Verwegenheit zuständig ist, mit dem Teil der Hirnrinde, welcher die Emotionen verwaltet, ohne sich mit mir abzusprechen. Ich bin plötzlich ganz aufgeregt und kann meinen Herzschlag in den Adern auf meinem Handrücken pochen sehen. Ich laufe zum DVD-Regal und nehme “Stirb langsam 4″ heraus, dem sichersten Ort, um etwas vor einer intelligenten Frau zu verstecken. Im Inneren der Hülle befindet sich ein kleines Tütchen mit einem Ring. Die Situation, die Eltern sowie die zwanghafte Höflichkeit der Franzosen scheinen nicht nur der perfekte Rahmen zu sein, sondern gewähren mir auch körperliche Unversehrtheit vor den Pranken des Vaters, wenn ich die Frage aller Fragen stelle.

Sie kommen. Ich stecke den Ring in einen der Desserttöpfchen und markiere ihn mit einer gesondert platzierten Mandelscheibe. Nachdem sich alle geküsst haben, wird über den Sinn und Unsinn des Schengenabkommens diskutiert, über den ungebildeten Zoll und die schlechten Straßen sowie das beschissene Wetter hier. Anschließend begutachtet man die Wohnung. Es gibt geteilte Meinungen – Mama Audrey freut sich und findet alles sehr modern, während Paul, Mariannes Vater, etwas enttäuscht zu sein scheint, dass wir nicht wie Obdachlose hausen. Audey packt schnell die Dinge aus, die in den nächsten Stunden gebraucht werden – Weinflaschen, Champagner, Käse, Würste und Brot.

“Wusstet ihr, dass in Deutschland täglich 15.000 Wurstsorten und 300 Brotsorten hergestellt werden? Damit sind wir in beiden Bereichen Weltmeister”, werfe ich der auspackenden Gesellschaft als Warm-up zu. Nach Mariannes Übersetzung lacht die gallische Truppe und erklärt, dass die große Auswahl unseren Geschmack verzerren würde, dass wir keine Saucisson hinbekommen würden und dass wir Deutschen von Natur aus weniger sensorische Fähigkeiten im Mund hätten als Franzosen. Paul klatscht laut in die Hände, reibt sich diese und meint grinsend, dass er Hunger habe. Er sieht mir tief in die vorbereiteten Augen. “Die Brust müsste in diesem Moment perfekt sein”, entgegne ich, ziehe untermalt von großem ‘Aha!’ das Tier aus dem Ofen und beginne zu tranchieren.

Die Ente ist perfekt und ich erkenne wie sich im Zeitraffer die Gesichtsausdrücke der Familienoberhäupter mit jedem Bissen von skeptisch zu begeistert verändern. Für einen Moment habe ich das Gefühl, dass Paul lächelt. Meine Anspannung löst sich und ich sehe, wie ich mit Marianne auf einer riesigen gebratenen Ente über eine Autobahn aus getrüffeltem Brie reite. Zwischen den Fahrbahnen wächst junger Salat in den buntesten Farben. Während wir eine Saucisson überholen, schneidet sich am Horizont eine gigantische goldene Brücke durch den Frühlingsnebel, ich gebe der kopflosen Ente die Sporen und wir schweben unter dem goldenen Bogen hindurch. Neben mir keucht und röchelt Mama Audrey, sie hustet und ihre Gesichtsfarbe gleicht dem Inneren der zarten Entenbrust. Paul und Marianne klopfen ihr wie wild auf den Rücken. “Kannst Du jetzt mal endlisch Wasser olen?”, fährt mich Marianne an. Mein Blick kontrolliert die Gläser mit dem Nachtisch. Muttis Nachtisch ist nur zur Hälfte gegessen. Mariannes Glas ist leer und auf ihrem Gesicht kann ich gar kein verliebtes Entzücken erkennen. Der Ring! Audrey würgt, Marianne gießt ihr ein Glas Wasser in die Kehle. Die Augen der Mutter sehen aus wie halb geschälte Radieschen und Pauls Gesicht ist wieder von der altbekannten Skepsis gezeichnet. Er meint, man müsse sofort zum Arzt und dass man ja nie wissen könne, was ich ins Essen gemacht hätte. Ich bäume mich auf und obwohl ich trotz gorilla-ähnlicher Körperhaltung immer noch einen Kopf kleiner bin als er, fühlt Paul sich herausgefordert, stützt die Fäuste auf die Hüften und blickt zu mir herab. “Fais gaffe, il fait du karaté* (*Pass auf, er kann Karate)”, ruft Marianne ihrem Vater zu. “Ähm, lass mal Chérie, ich werde hier nicht meine Fähigkeiten einsetzen, um eine Meinungsverschiedenheit mit deinem Vater zu klären. Das wäre unfair. Ich schlage vor, wir fahren tatsächlich mal rüber ins Klinikum, um sicherzugehen.”

Im Wartebereich der Notaufnahme glätten sich die Wogen. Paul meint, dass die Ente trotz der Umstände sehr gelungen wäre, und dass er nun nicht nur ein anderes Bild von mir, sondern auch von der deutschen Kultur als Gesamtes hätte. Er meint, man könne das Brot gegen etwas Besonderes tauschen – vielleicht eine Rosmarin-Pannacotta oder so etwas in der Art – aber sonst… Die Tür vom Behandlungsraum öffnet sich und Mariannes Mutter wird von einer Krankenschwester herausgeführt. Alles ist in Ordnung.

Auf der Heimfahrt sitzt sie neben mir auf der Rückbank des Taxis. Heimlich schiebt sie mir einen Umschlag rüber. Das darin befindliche Röntgenbild zeigt neben einer verfetteten Leber und Entenresten auch das klare Bild eines Ringes. Mariannes Mutter lächelt und hält sich den Zeigefinger an die Lippen. “You have to wait a little bit”, flüstert sie mir ins Ohr. “Ich weiß nicht, ob ich den Ring wiederhaben will”, flüstere ich zurück. Sie deutet auf Paul, der vorn sitzt und ergänzt: “You have to wait for him. I think he is not ready yet.”

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Schallplatte mit Eiswürfeln

Sep 2010
08

kurzgeschichten3

Mit einer allgemeinen Körperbeherrschung von etwa 60 Prozent betrete ich Freitagnacht die kleine Pizzeria in der Petersburger Straße. Im Schlepptau mein Freund Micha, der es auf ganze 45 Prozent klares Bewusstsein bringt. Micha steht und geht selbstständig und man kann seinen Aussagen gerade noch folgen.

Einer der größten Vorteile der urbanen Lebensart ist die Tatsache, dass man während der wochenendlichen Kneipentouren auch noch zu ungewöhnlichsten Uhrzeiten an fast jeder Ecke Berlins etwas Warmes zu Essen bekommen kann. Die Lobby des Verbandes für Magenschleimhauterkrankungen, -geschwüre und Sodbrennen subventioniert in meinem Kiez mehrere Imbissbuden, dutzende Falafelläden und etwa zehn Pizzerien mit Öffnungszeiten bis spät in die Nacht.

Völlig übermüdet empfängt uns der Inhaber: “Ich wollte eigentlich gerade zu machen. Was wollt ihr denn? Ich könnte Euch noch eine Pizza machen, aber Nudeln oder Salat habe ich leider nicht mehr”

Es ist als ob eine Gruppe Tour de France-Fahrer versucht am Ende einer Bergetappe einen kleinen Plausch zu halten. Am liebsten würden wir drei uns einfach auf die Terracottafliesen des Thekenbereiches legen und aneinandergekuschelt einschlafen.

“Pizza wäre cool, wenn das o.k. ist. So zwei normale mit Pilzen und Schinken? Und ich nehme noch zwei von den kleinen Wodka hier.”

“C’è problema! Meine Frau schläft sowieso schon. Setzt euch, setzt euch.” Er schaltet den Steinofen wieder ein, holt Teigkugeln aus einer Schublade und legt los.

Ich nehme zwei der kleinen Gorbatschowfläschchen von der Glastheke und wir setzen uns an einen der mit karierten Siffdecken bespannten Tische. “Die Deutschen können sich ruhig mal eine Scheibe vom Service der Italiener abschneiden”, sage ich zu Micha und proste ihm zu.

“Ich glaube der Typ ist Tunesier. Vorher war hier ein tunesischer Laden, da hat der hier auch schon gearbeitet und immer tunesisch gesprochen. Lief aber nicht. Jetzt machen sie Pizza.” lallt Micha.

“Kann sein, jetzt wo Du es sagst und davor gab es hier Falafel. So oft wie der Laden schon Neueröffnung hatte, spricht der Kerl bestimmt schon fünf oder sechs Sprachen.”

Micha zuckt mit den Schultern und ext den Wodka.

Da unser Gastgeber den Ofen wohl in Vorfreude eines menschenrechtskonformen Feierabends bereits ausgeschaltet hatte, benötigt unsere Pizza die Fastfood-Ewigkeit von sage und schreibe 20 Minuten. Mir macht das eigentlich nichts aus, aber ich denke an seine Liebste, die wie meine, wahrscheinlich ohne ihn schlechter schläft.

“Wir essen auch ganz schnell und sind in zehn Minuten weg”, beruhige ich ihn, als er uns die Pizza serviert.

“Non c’é problema!” grinst er zurück, “Bon Appetito!”

Die Pizzen sehen erbärmlich aus. Der Käse ist kaum zerlaufen und dem Teig fehlt die erwartete Bräune. Knusprig scheint sie trotzdem zu sein, allerdings weniger wie ein Brot, als mehr wie eine Laubsägearbeit. Die geringe Temperatur des Ofens hat bei dem italienischen Nationalgericht keinen Backvorgang hervorgerufen, sondern lediglich die Flüssigkeit aus dem Teig getrocknet. Ein Schneiden der Pizza ist unmöglich. Ich breche ein Stück ab, probiere und mache ein komisches Gesicht in Michas Richtung.

“Scheiße! Das kann man nicht essen. Der Belag ist kaum warm, geschweige denn gar und der Teig fühlt sich im Mund an wie Plastik.”

“Hast Recht”, flüstert Micha und aus seinem Mund knuspert es, als zerkaue er eine Glühbirne. “Und jetzt?”, fragt er.

“Na ja, bei aller Freundlichkeit des Typen können wir uns das nicht bieten lassen. Das Ding ist eigentlich ungenießbar. Aber ich habe Hunger wie Sau. Ich esse das jetzt trotzdem.” entgegne ich.

“Ja, ich auch”

“Aber wir müssen was sagen”, meine ich energisch, “abgesehen davon, dass wir dafür bezahlt haben, wollen wir ja nicht, dass er mit dem Schund Pleite geht und schon wieder eine neue Sprache lernen muss.”

Micha knuspert und nickt.

Während so mancher in dieser Situation eine Bühne für seinen Geltungsdrang oder ein Gegengewicht zu seiner gesellschaftlichen Kleinschwänzigkeit findet, ist es mir wahnsinnig unangenehm mich zu beschweren. Meistens, weil ich den Stress des Personals nachvollziehen kann, oft aber auch, weil ich vor der folgenden Konfrontation ein Gefühl bekomme, dass von unserer Generation völlig fehlgefühlt wird. Angst. Im Gegensatz zu unseren Großeltern, die vor Krieg, Hunger und Armut Angst hatten, haben wir sie vor einer schlechten eBay-Bewertung, dem Verpassen einer LOST-Folge oder eben davor in eine ungewöhnliche zwischenmenschliche Situation zu geraten. Eine, die mehr Schneid erfordert als den “Freund entfernen”-Button bei Facebook zu klicken.

“Albern”, meint Micha.

“Ja”, sage ich, “wir sollten uns heute mal beschweren. Mal was sagen, wenn uns etwas nicht passt”

Wir machen Entwürfe auf einer Serviette, feilen an der Formulierung und am Ton, verteilen die Rollen, einigen uns auf eine Strategie. PNP – Positiv-Negativ-Positiv, eine Kritik wird von zwei Belobigungen umschlossen und dadurch quasi per trojanischem Pferd untergejubelt.

“Auf alle Fälle noch mal danke, dass Du uns so spät noch was zu Essen gemacht hast. Allerdings schmeckt es wie eine Schallplatte mit Eiswürfeln. Die Tischdecken sind sehr schön” formuliert Micha.

“Nicht schlecht”, sage ich, “auch wenn es noch etwas holprig daher kommt und im Ausklang ein Hauch zu gestellt klingt.

Wir entschließen uns, das zweite Positive zu improvisieren. Nach gut zehn Minuten haben wir je zwei Drittel der Plexiglas-Pizza gegessen und spielen einen satten Eindruck. Der große Moment ist gekommen. Der Pizzabäcker kommt zu unserem Tisch und räumt die Teller ab. Wir sind bereit.

“Ist nicht so schlimm, dass ihr so spät noch was wolltet”, sagt der kosmopolitische Pizzaverkäufer, “ich bin ganz froh, dass ihr gekommen seid, denn im Moment kann ich jeden Euro gebrauchen. Wir haben gerade ein neues Baby bekommen und der Laden läuft wirklich beschissen. Hat es euch denn wenigstens geschmeckt?”

“Ja, danke!” sagen Micha und ich im selben Moment.

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Philip Seymour Hoffmans Flucht aus der DDR

Aug 2010
15

kurzgeschichten2

Ich selbst finde mich unglaublich geil, wahnsinnig witzig und hochgradig sexuell inspirativ. Die Gruppe von Menschen außerhalb meines Körpers, die ebenso empfindet, passt locker in einen smart two, bei dem der Beifahrersitz mit einem großen Koffer belegt ist. Auf dem Koffer steht Paris und am Steuer sitzt meine französische Freundin Marianne. Wenn man mich und Marianne kennt, stellt man sich des Öfteren die Frage: “Was will die eigentlich von dem Typen?” Eine Frage, die auch ich mir häufig stelle.

Okay, die Leute übergeben sich nicht, wenn sie mir auf der Straße begegnen, aber irgendwie sieht es, wenn Marianne und ich spazieren gehen, so aus, als hätten Philip Seymour Hoffman und Gisele Bündchen ein skurriles Verhältnis.

Mein finanzieller Reichtum kann auch nicht der Grund ihrer Zuneigung sein, denn um meiner Liebsten von meinem Vermögen etwas abgeben zu können, müsste ich die Metallsäge aus dem Werkzeugkasten kramen.

Die intellektuelle Bereicherung unserer Beziehung ist ähnlich einseitig. Marianne hat sich der Politik und Literatur verschrieben und steckt mit Mitte 20 zwischen Promotion und ihrem zweiten Buch. Ich – Mitte 30 – kann mich kaum noch an mein Studium erinnern, zumal ich den Studiengang nur gewählt hatte, weil die Frauenquote über 80 Prozent lag. Danach habe ich eigentlich nur gearbeitet. Am sonntäglichen Frühstückstisch, liest Marianne mir regelmäßig aus der Zeitung vor, welche Ausstellungen sie besuchen möchte. Da ich derjenige bin, der die Zeitung zusammen mit den Brötchen vom Bäcker holen darf, habe ich genug Zeit mich vorher über die jeweiligen Biografien der ausstellenden Künstler zu informieren, um diese wie selbstverständlich zwischen Kaffee und Marmelade zu präsentieren. (An dieser Stelle einen großen Dank an Apple und Wikipedia). Das beeindruckt meine Freundin so sehr, dass es für die kommende Woche reicht. Die restlichen Tage versuche ich einfach nur möglichst schlau zu gucken und in keine Falle zu tappen.

Wir haben eigentlich kaum Gemeinsamkeiten im Bereich der kulturellen Aktivitäten. Marianne tanzt gerne – ich hasse Tanzen, die Oper – eine Qual und Familienfeste – ein Graus. Meine Romantik hält sich auch in Grenzen. Das einzige Gedicht, das ich beherrsche, handelt von einer notgeilen Kuh und einem blinden Specht und meine Lieblingsblumen sind Basilikum und Rosmarin, denn ich (das muss ich in aller Bescheidenheit anmerken) kann ganz gut kochen. Unabhängig davon bin ich quasi der gesellschaftliche und kulturelle Antipode meiner süßen Parisienne.

Ich glaube, es ist meine Exotik, die sie fasziniert, meine Ostmentalität, meine besondere durch die DDR-Jugend geprägte Aura. Während die meisten Frauen diesen Zauber eher als störend empfinden, scheint Marianne von meinen Anekdoten voller Zonen-Charme wie benebelt zu sein.

Ich betrete das Wohnzimmer. Sie sitzt auf der Couch und sieht sich eine Dokumentation über die Teilungsgeschichte Berlins an. Menschen erzählen von ihrer Flucht und ihren Beweggründen nach der Wende wieder zurück nach Ostberlin zu gehen. Ich setze mich dazu, finde mich in der Sendung wieder und werde aufgrund meiner ähnlichen Geschichte etwas nostalgisch.

Marianne nimmt meine Hand und fragt: “Wieso bist du eigentlisch ier?”

“Na ja, ich bin ja auch geflohen. Damals. Über Ungarn. Mit meinen Eltern. Dann mehrere Jahre in Bayern und im Ruhrgebiet und wieder zurück nach Berlin. Das war eine spannende Geschichte als meine Mutter mich am 31. August 1989, dem letzten Sommerferientag, von meiner Oma in Köpenick abholte. Die Leute haben in dieser Zeit traditionell am Montag demonstriert und die Stadt war in einer komischen Stimmung. Anstatt mit mir nach Hause zu fahren, fuhren wir zum Flughafen. Sie hat mir erzählt, dass wir zu der Hochzeit meines Onkels nach Budapest müssten und dass mein Vater bereits in Ungarn wäre. Wenn meine Mutter sagt, ich hätte einen Onkel in Budapest, dann ist das so, auch wenn ich noch nie von ihm gehört hatte. Es war mein allererster Flug in einem Flugzeug, denn wenn man im Osten geboren ist, fliegt man nicht besonders oft. Wohin auch. Am Budapester Flughafen trafen wir auf meinen Vater und ich wurde vorsichtig in den verwegenen Plan meiner Eltern eingeweiht. Statt auf einen Onkel trafen wir auf einen Schlepper, der uns zur nächtlichen ungarisch-österreichischen Grenze bringen sollte. Das Auto, ein rostiger Dacia, fuhr uns bis zu einem dunklen Wald. Der Ungar meinte, dass wir uns ducken und zügig Richtung Norden laufen sollten, bis wir auf ein Loch im Zaun stoßen. Wir liefen etwa fünf Minuten als plötzlich ein Schuss…”

Marianne unterbricht mich: “Chéri, das ist bestimmt interessant, aber isch wollte nischt wissen, warum Du in Berlin oder im Westen bist, sondern ier im Wohnzimmer? Isch dachte du wolltest diese leckeren Nudeln mit dem Lamm machen, die mir immer so gut schmecken?”

Hier also nun das Geheimnis, wie man auch mit einer Durchschnittsvisage eine süße Französin verzaubert:

200 g Lammlachse
300 g frische Tortelli mit Feigenfüllung
Zwiebel, Olivenöl, Butter, frischer Rosmarin, Rosinen, Salz, Pfeffer, Honig, Sherry

Das Lamm am Vortag in Öl, Zwiebeln und Rosmarin marinieren. Rosinen in warmen Wasser 1 h einweichen. Das Lamm sehr scharf anbraten und im Ofen durchgaren lassen, bis es innen rosa ist. Pasta kochen. Lammbratensatz mit Sherry lösen, einkochen, Butter und Honig dazu, etwas aufschlagen, Rosinen hinein. Lamm auf den Tortelli anrichten und die süße Rosinenbutter darüber träufeln. Danach ein einfaches Panna Cotta mit frischer Minze und gehackten Nüssen.

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Die Rache der schmutzigen Binde

Jun 2010
28

kurzgeschichten

Ich ertrage nun schon bald anderthalb Jahre, dass mir, wenn ich den Kühlschrank öffne, schwarz vor Augen wird, weil dort Käsesorten lagern, die für mein Verständnis klar verdorben und deren Herstellung in der Europäischen Union verboten sind. Das erklärt nicht nur die skeptische Haltung meiner französischen Freundin gegenüber dem Völkerbund, sondern auch, warum ich über einen längeren Zeitraum den Kühlschrank gemieden und damit die Kontrolle über dieses Haushaltsgerät fast völlig an Frankreich verloren habe. Einmal habe ich dort einen Käse gesehen, der neben dem anscheinend normalen weißen Schimmel auch eine grünlich-blaue Ecke aufwies, auf die ich Marianne vorsichtig aufmerksam machte.

“Marianne, ich glaube der Käse da hinten rechts – der hat’s nicht geschafft. Der ist nicht mehr nur weiß, das Teil hat auch noch eine türkise Ecke. Soll ich den mal wegschmeißen?”

“Bist du verrückt? Käse wird nischt schlescht. Das ist ein Casu Marzu aus Sardinien. Manschmal, wenn man die Packung aufmacht, kommen kleine Tiere eraus. Das ist ganz normal”, sprach sie und lachte über meine mangelnde Kenntnis kulinarischer Molkereiprodukte. Ich mag es nicht, wenn man über mich lacht. Damit ich auch mal meinen Spaß habe, pflanzte ich bereits vor einiger Zeit ein kleines Trieblein meines eigensinnigen Humors in den binationalen Boden.

Marianne spricht ein sehr gutes Deutsch, hat aber hier und da ein paar Vokabellücken in Bereichen, in denen man es nicht erwartet. Eines Tages hält sie mir einen kleinen Löffel vors Gesicht und fragt: ”Wie sagt man dazu auf deutsch?”

“Teelöffel”, antworte ich ihr. Ich zeige auf das Messer und sage: “Messer”. Sie hält eine Gabel hoch und ich sage: “Binde”. Ha! Ich verziehe keine Miene. Ohne einen Verdacht zu schöpfen schluckt sie die Information, sagt noch zweimal “Binde” zu sich selbst und speichert es für zukünftige großartige Momente der Verwirrung. Wenige Wochen später – ich hatte die Binde schon fast vergessen – fällt sie ihr beim gemeinsamen Essen mit meiner Mutter beim Edelitaliener auf den Boden. Sie winkt den Kellner zu sich und bittet ihn das verschmutzte Esswerkzeug auszutauschen.

“Kann isch eine neue Binde aben, meine ist runtergefallen?”

“Entschuldigung?”, fragt der Kellner.

Ich verdecke mein Gesicht mit dem Wasserglas und konzentriere mich darauf meine Mundwinkel in neutraler Stellung zu halten. Meine Mutter setzt ein interessiertes Gesicht auf und harrt der Wiederholung der Frage, um bestätigt zu werden, sich verhört zu haben.

“Sie ist mir runtergefallen und isch möschte nischt mit einer schmutzigen Binde essen. Kann isch eine neue bekommen?”

Ich sprühe den Schluck Wasser fontänenartig wie ein Feuerspucker über das Tischtuch. Meine Mutter überlegt, ob sie einem Dreiunddreißigjährigen eine knallen kann. Sie flüstert Marianne das Wort Gabel, nebst einer Erklärung für deren Verwendung und dem Unterschied zu einer Binde ins Ohr. Ich lache mich schlapp. Beide werfen mir Blicke zu, als wären sie nordkoreanische Grenzsoldaten.

“War doch nur Spaß”, sag ich, als ich abends mit meinem Bettzeug ins Wohnzimmer ziehe.

Nach einem Blumenstrauß und einem Versprechen hat sich die Wolke über der Rigaer Straße wieder verzogen, allerdings ist mir klar, dass ich ab jetzt vorsichtig sein müsste – nicht, weil ich ab jetzt besser nur noch Zucker husten sollte, sondern, weil Marianne einen ähnlich perversen Humor hat, der nicht nur die Säule unserer Liebe, sondern auch der Grund ist, warum ich ebenso oft Blumen bekomme.

Einen Monat später hat Mariannes Vater Paul Geburtstag und mein Konto weist mal wieder eine Abbuchung über zwei Tickets nach Paris auf. Ich lerne zurzeit Französisch, wobei man allerdings sagen muss, dass es auf Grund meiner völligen Unfähigkeit des Erlernens von Fremdsprachen eher ein phonetisches Auswendiglernen als ein tatsächliches Begreifen ist. Um den Schwiegervater in spe zu beeindrucken, frage ich Marianne nach einer angemessenen Geburtstagsfloskel.

“Bon anniversaire. Qu’est-ce que tu as grossi.”*

Ich bin skeptisch und denke an den Binden-Kracher. Zur Sicherheit schaue ich in mein kleines Notizbuch aus dem Französischunterricht, da ich meine, in der Volkshochschule schon mal was von Geburtstag gehört zu haben. Und tatsächlich, ich habe mir völlig andere Dinge notiert. So leicht falle ich nicht rein, Mademoiselle. Ich baue mir aus den Fragmenten meiner Notizen ein “Alles Gute zum Geburtstag, ich freue mich sehr über die Einladung” zusammen und lasse Marianne in dem Glauben, ihren wahrscheinlich diffamierenden und todbringenden Schachzug auswendig gelernt zu haben.

In Paris spielt sich wieder das mir bereits bekannte Programm ab, ich werde bestaunt, umarmt und gekniffen. Ab und zu schnappe ich ein Wort auf, das ich verstehe und die Geburtstagsmeute begreift recht schnell, dass man, wenn man mich beleidigen will, ohne dass ich es merke, subtilere Mittel einsetzen muss, als lächelnd ein “Bosch” oder “Chleuh” zu platzieren.

In der Schlange der Gratulanten wiederhole ich im Kopf meinen Spruch. Marianne fragt mich, ob ich noch wüsste, was ich sagen soll. Ich nicke, sie grinst. Die Hände von Mariannes Vater sind so groß wie Suppenteller, meine sind so nass wie eine Suppe. Das passt. Wie immer, wenn er mich sieht, bilden sich ein paar Falten auf seiner Stirn. Ich schüttle den Suppenteller und sage:

“Bon anniversaire. Mon cadeau, c’est que tu vas être grand-père.”**

Puh, das war nicht leicht, denn sobald man im Französischen auch nur eine Silbe falsch betont, sieht man nur noch Fragezeichen in den Augen des Gegenüber. Ich hingegen sehe das blutrote Gesicht Mariannes Vater, das entgegen meinen Erwartungen, noch roter wird und gleichzeitig Merkmale großer Verärgerung aufweist. Er schreit mich an. Alle zucken zusammen, die Menge verstummt und schenkt der Situation volle Aufmerksamkeit. Paul schreit immer noch. Ich verstehe nichts, glaube aber ein paar deftige Schimpfwörter herausgefischt zu haben. Mariannes Mutter Audrey bricht in Tränen aus.

Das Geburtstagskind packt meinen rechten Oberarm und schiebt mich fluchend aus dem Saal. Ich höre wieder “Chleuh” und “Fritz” aus der Menge. Marianne folgt uns in den Toilettenvorraum und redet auf ihren Vater ein. Der Volkshochschulkurs ist für’n Arsch, denn ich verstehe kein Wort. Vielleicht habe ich etwas falsch betont oder ausgesprochen und somit die Bedeutung verfremdet. Marianne und ihr Vater beginnen zu lachen. Ich komme mir total bescheuert vor und kröne dies mit einem leisen “Happy birthday. I’m sorry.” Paul schlägt mir die Riesenpranke auf die Schulter, atmet tief durch und geht zurück zum Festsaal.

“Was ist los, ich verstehe nur Bahnhof. Ich habe doch gar nicht das gesagt, was du mir vorgeplappert hast. Mir war klar, dass du dich für die Binde bei mir rächen willst, deshalb habe mir extra einen eigenen Spruch aus meinem Notitzbuch zusammengebastelt”, sage ich zu Marianne.

“Isch weiß, dass du dein Notizbuch benutzt ast. Isch abe zwei Wochen gebraucht deine Andschrift zu lernen um deine Notizen ein wenisch zu korrigieren. Isch denke wir sind quitt.”

Für den Anfang habe ich erst ‘mal in ihrem Handy meine Telefonnummer mit der ihres Chefs getauscht, das sollte reichen, bis mir etwas besseres einfällt.

* Alles Gute zum Geburtstag, du bist aber fett geworden.
** Alles Gute zum Geburtstag, mein Geschenk: Du wirst Großvater!

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Kalauerschrippe

Apr 2010
23

kurzgeschichten_berlin

Im Berliner Alltag sind es die kleinen Freuden über das schöne Wetter, eine touristenfreie Bahnfahrt oder die unterhaltsamen Begegnungen mit den Ureinwohnern dieser Stadt, die einem das Leben versüßen und den Trott erträglich machen. Ich gehe jeden Tag den gleichen Weg von meiner Wohnung zur U5, durch die Katakomben am Alexanderplatz, von U-Bahn zu U-Bahn direkt ins Büro. Auf dem Weg treffe ich Leute, die in der selben Zeitschleife hängen, mit immer gleichen Frisuren, Kleidern, Gesichtsausdrücken und müden Bewegungen. Ich bin gefangen im Daumenkino der Langeweile, sinnlos, ziellos und scheinbar unendlich.

Es muss was passieren. Da ich heute aufgrund der Emanzipierung meiner Freundin zu der Unterhose mit den blauen Enten greifen musste, fällt ein spontaner “U-Bahn-Unfall mit Personenschaden” flach. Das hat meine Mutter früher immer schon gesagt: “Zieh dir ordentliche Schlüpfer an, wenn Dir was passiert, soll der Notarzt nicht denken, wir wären Assis.” Da ich diese Lösung auch etwas übertrieben finde, entschließe ich mich, es auf einen alternativen Weg zur Arbeit zu beschränken. Mit der Straßenbahn brauche ich zwar zehn Minuten länger, aber sie bietet mir einen unkomplizierten Hackfressenwechsel, sowie einen freien und sonnigen Blick auf die Oberfläche Berlins. Schön ist es hier oben. Meine Poren öffnen sich wie Blüten und ich habe das Gefühl, ich werde durch die getönte Scheibe der Straßenbahn hindurch etwas braun.

An meiner Zielhaltestelle offenbart sich eine für mich völlig neue Einkaufsgegend. Ein Kiosk, ein Klamottenladen, ein Solarium und eine süße Bäckerei locken mit feinsten Kommerzsünden. Normalerweise frühstücke ich nie, aber da heute der große Tag der Veränderung ist, beschließe ich meine beim Schwarzfahren gesparten Münzen in Frischgebackenes zu investieren. In der Bäckerei arbeiten zwei vom Karussell des Lebens abgeworfene Frauen, die sich mit ihrer aufgesetzten guten Laune das Schicksal kunterbunt zu färben versuchen.

“Ein Käsebrötchen und ein Schokocroissant bitte”, sage ich zu der ungeschminkten Halbtagskraft, die so aussieht, als würde sie jeden Tag ein großes Stück Hefe lutschen.

“Käse und Schoko für den Mann mit dem Hut”, ruft sie der anderen zu. Beide lachen sich schlapp.

Hä? Ich trage keinen Hut. Sollte das ein Witz sein? Ich finde es nicht lustig, die Schrippenhühner hingegen schlagen sich abwechselnd auf die Schenkel. Ok, ich bin gut gelaunt, lasse mich nicht lumpen und kontere mit bescheidenem Hausfrauenhumor.

“Sie können das ruhig in eine Tüte packen, die sind später eh zusammen, ich habe ja auch nur einen Magen.”

“Entschuldigung?”, sagt sie. Anscheinend hat sie Semmelbrösel in den Ohren. Ich wiederhole mich, obwohl der kleine Gag damit dem Untergang geweiht ist:

“Ich sagte, dass Sie die Sachen ruhig in eine Tüte packen können, die sind später im Magen eh zusammen.” Keine Reaktion. Die Verkäuferinnen schauen sich fragend an, die Oberschrippe zuckt mit den Schultern und schaltet die letzte Leuchte aus.

“Zwei Euro genau.”

Ich schnappe mir die Tüte und verschwinde. Die haben doch einen Knall. Ich laufe zügig ins Büro und hacke bis Sonnenuntergang in die Tasten.

Das Wetter des nächsten Tages gestaltet sich ähnlich amüsiert und die U-Bahn-Schächte haben plötzlich auf mich so viel Anziehungskraft wie eine Mitte-Lounge. Ich nehme die Straßenbahn. Eine Omi bedankt sich nett, als ich ihr meinen Platz anbiete, eine Emo-Tussi scheint mich süß zu finden und lächelt mich an. Der Tag läuft. An der Bäckerei vom Vortag halte ich kurz inne und lege mir einen Witz zurecht. Ich gebe dem Laden noch eine Chance, man soll die Einzelhändler schließlich fördern – auch was Humor betrifft. Hinter der Theke stehen die beiden von gestern. Die eine bedient gerade einen Kunden und die andere sortiert kleine Preiskärtchen auf der Theke, die sie nach und nach den jeweiligen Kuchensorten zuordnet.

“Sie haben es gut, sie können während der Arbeitszeit Memory spielen.” Ein Raketen-Gag, ich bin stolz, schließlich ist es erst 8:30 Uhr.

“Wie bitte?”, raunzt es zurück.

Ich lege noch eine Granate oben drauf: “Hm, das sieht alles so lecker aus – am liebsten würde ich von allem mal probieren, da nehme ich wohl am besten eine Rumkugel, oder?” Ich bin in Hochform und grinse wie der Junge von der Kinderschokolade. Die beiden schauen mich fragend an.

“Naja, weil doch in der Rumkugel immer von allem die Reste…, ach egal, ein Käsebrötchen und ein Schokocroissant bitte.” Ich bin angepisst bis zum Anschlag. Meine Halsschlagader steht einen Zentimeter raus und kiloschwere Gewichte versuchen mir mein höfliches Lächeln aus dem Gesicht zu ziehen.

“Zwei Euro bitte, auch ohne Hut.” Die Bäckerinnen fallen in schallendes Gelächter. Hä?!? Ich schaue mich um, ob ich irgendwo spiegelverkehrte Schrift entdecke. Ich habe mal in einem Film gesehen, das im Paralleluniverum die Leute spiegelverkehrt lesen und anscheinend befinde ich mich hier im Paralleluniversum der Witzepolizei. Die beiden kichern und schluchzen. Ich knalle das Zweieurostück auf die Glastheke und winke ab. Beim Rausgehen kommt mir ein Typ entgegen, der mir erschreckend ähnlich sieht. Er trägt sogar fast die gleiche Jacke wie ich. Einziger Unterschied – außer, dass ich um Längen besser aussehe – ist der, dass er einen dunklen Hut trägt. Er marschiert freudestrahlend auf die Verkäuferinnen zu, breitet die Arme aus und ruft: “Morjen Claudi. Steffi, allet jut? Käse und Schoki für den Mann mit dem Hut.” Alle lachen und feiern sich. Ich verlasse kopfschüttelnd den Wahnsinn.

Den Rest der Woche nehme ich die U-Bahn, denn da kommt mir keiner blöd, da will auch keiner lustig sein, da halten alle schön die Klappe und schauen auf ihr Handy oder in ihr Dan Brown-Buch. Ich hoffe, meine Haut wird wieder weiß.

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Am siebten Tag kam der Osterhase

Apr 2010
09

ostern_gottesdienst

Das Osterfest zelebriere ich normalerweise, indem ich mir sechs Überraschungseier kaufe und mich der Illusion hingebe, dass Ferrero zwischen all den kleinen Spielereien auch etwas für einen Dreiunddreißigjährigen im Programm hat. Die Aufschrift “Ab 3 Jahren.” schließt mich ja nicht aus, erinnert mich allerdings eher an meine Grobmotorik als an die Gefahr die Kleinteile zu verschlucken. Mit den Jahren sind die Eier immer weniger überraschend geworden und auch die Hoffnung auf einen coolen Kompass oder einen zusammenfaltbaren Flaschenöffner scheint vergebens. So soll Ostern auch in diesem Jahr vonstatten gehen, doch plötzlich sorgt meine französische Freundin Marianne für eine ungewöhnliche “Erwachsenenüberraschung”.

“Isch möschte eute Abend in die Kirsche gehen, zum Ostergottesdienst am Bebelplatz.”

“Schön”, sage ich.

“Isch würde misch freuen, wenn Du mitkommen würdest.”

Dass mit meiner Freundin auf religiöser Ebene etwas im Busch ist, habe ich bereits gemerkt, als in der Küche, dort, wo mein Gemüsesaisonkalender hing, auf einmal ein kleines silbernes Kreuz angebracht war. Den Versuch diesen Austausch wieder rückgängig zu machen, bezahlte ich mit einem Vierstundenstreit und zwei Meißener Tellern. Wann Spargelzeit ist, weiß ich jetzt nicht mehr, dafür aber, dass Marianne mich gerade um einen Gefallen gebeten hat, den ich nur schwierig ablehnen kann und da wir keine Erdnüsse im Haus haben und ich mich somit nicht mit einem Allergieschock aus der Affäre ziehen kann, sage ich zu.

Bisher war ich zweimal in einer Kirche, einmal, als ich im Sommer 1989 mit meinen Eltern über die grüne Grenze Ungarns nach Österreich geflohen bin, und einmal bei der Hochzeit von Mariannes Cousin Emile.

“Wie lange geht denn sowas?”, frage ich sie vor der Hedwigskathedrale.

“Ostern kann es etwas länger dauern, vielleischt andertalb Stunden.”

Spielfilmlänge. Alles klar. Wer François Ozons “8 Frauen” ansehen kann, der schafft auch das. Am Eingang stehen zwei dicke grinsende Rentnerinnen hinter einem Tisch. Ich zahle bei den dauergewellten Damen knapp vier Euro für zwei Kerzen. Eine Kerze besteht aus einem Faden und etwa 50 Gramm Paraffin. Vier Euro sind acht D-Mark – macht circa 80 Ostmark, was in etwa unserer damaligen Warmmiete in der Landsberger entspricht.

“Psst!”, mahnt Marianne und führt mich in die stockfinstere Halle.

“Ich kann nichts sehen”, flüstere ich.

“Mach Dir keine Sorgen, wenn Jesus aufersteht, geht das Lischt wieder an. Das ist ganz normal bei der Ostermesse.”

Ich sehe die Hand vor Augen nicht, höre aber, dass die Kirche bis zum Rand gefüllt ist. Die verrückten Katholiken haben die Kathedrale in einen Darkroom verwandelt, keine Kerzen, keine Lämpchen, nichts. Ab und zu flackert in weiter Ferne ein Handy auf. Ich kann mir genau vorstellen, dass die, die schon seit einer Viertelstunde hier drinnen sitzen, beobachten, wie ich mich mit aufgerissenen Augen und ausgestreckten Armen durch die Bänke taste. Ich meine, ein leises Kichern zu hören.

“Chéri, ier ist etwas frei”, flüstert Marianne und zieht mich am Arm auf den Platz neben sich. Mit der Zeit beginnen sich meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Andere Blinde bewegen sich ängstlich durch den Raum wie Jodie Foster am Ende von “Schweigen der Lämmer” – statt der Knarre halten sie eine unangezündete Kerze vor sich. Lustig.

Nach einer gefühlten Ewigkeit passiert endlich etwas. Ein Zug aus zwanzig weißgekleideten Männern zieht mit großen Kerzen und Weihrauch in die Menge – alle stehen auf. Dann setzen sich alle wieder. Der Priester singt etwas – alle stehen auf – als er fertig ist, setzen sich alle wieder. Der Priester bekommt von seinen Angestellten einen komischen Hut aufgesetzt. Alle stehen auf und singen etwas. Neben mir singt ein kleiner kahlköpfiger Mann mit seiner Mutter. Einladend hält er mir sein Gesangsbuch hin, damit ich den Liedtext mitlesen kann. “Nein danke, ich komme aus der DDR, meine Freundin hat mich gebeten hier mitzumachen. Ich hatte ja noch nicht einmal Jugendweihe”, flüstere ich zu ihm. Er trällert als gäb es kein Morgen. Ich kenne das Lied nicht. Hinter mir steht eine Gruppe Japaner, sie spielen mit ihrem Handy, einige kichern. Alles setzt sich. Marianne hat sichtlich Spaß, ich sehe auf die Uhr – es sind gerade einmal sechs Minuten vergangen. Alles steht auf. In diesem Raum sind wohl die gesamten Neuberliner Süddeutschlands versammelt, die der Prenzlauer Berg zu bieten hat. Ich stelle mir vor, wie ein Ostberliner Selbstmordattentäter die Kirche betritt und sich mit den Worten “Wir sind das Volk” selbst in die Luft sprengt. Zugegebenermaßen wäre der Gentrifizierung einiger Stadtteile damit sehr effektiv Einhalt geboten. Im Unterhaltungsprogramm des katholischen Osterfestes ist aber stattdessen ein weiteres Lied vorgesehen. Ich frage mich, ob es jemand merkt, wenn ich auf meinem Telefon etwas Tetris spielen würde. Alle setzen sich.

Vor uns sitzt ein Paar in unserem Alter. An seinem Gesichtsausdruck kann ich erkennen, dass er aus dem gleichem Grund hier ist wie ich. Seine blonde Freundin mit slawischen Gesichtszügen faltet enthusiastisch ihre Hände zum Gebet, Marianne auch, er schaut umher, genau wie ich, mir läuft heißes Wachs über die Hand. Alle stehen auf. Ich beschließe, ab jetzt sitzen zu bleiben. Hardliner Marianne sieht vorwurfsvoll zu mir runter. Ich fasse mir ans Knie und flüstere: “Meniskus.” Einer der Priester zählt Namen von Heiligen auf. Die Katholiken haben viele Heilige und das Mädchen vor mir einen Kaugummi an ihrer Schuhsole. Sitzend und stehend zwischen Schwaben mit weißgerahmten Sonnenbrillen und Torrero-Lederjäckchen denke ich, dass das Leiden Christi nicht schlimmer sein konnte. Ich fühle mich unwahrscheinlich östlich und überhaupt nicht österlich. Ich will hier raus.

Meine Freundin hat sich getäuscht. Aus einem lockeren Absitzen von “Pretty Woman” ist eine lateinische Synchronfassung von “Dr. Schiwago” geworden. Selbst mein hübscher Jesusfreak meint, dass dreieinhalb Stunden zu viel und zwölf Taufen während eines Gottesdienstes ungewöhnlich wären.

“Isch finde es trotzdem sehr süß, dass Du mitgekommen bist. Jetzt können wir auch etwas machen, was dir gefällt, ok?”

Ich kaufe eine Palette Überraschungseier beim Späti und wir setzen uns neben Marx und Engels am Alex auf eine Bank. Ich brauche dringend weltlichen Ausgleich. Im ersten Ei, das Marianne öffnet, ist ein kleiner Kompass drin.

Sie schenkt ihn mir.

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Form follows Frau

Feb 2010
25

minou

Sonntag, 11:00 Uhr
Ich werde wach. Mein Schädel dröhnt als hätte ich die ganze Nacht in einem Autobahntunnel geschlafen. Filmriss. Wenn ich an so einem Morgen bei mir zu Hause wach werde, habe ich oft Orientierungsschwierigkeiten, denn in unserem Schlafzimmer herrscht einrichtungstechnischer Minimalismus in seiner reinsten Form. Es ist quasi leer – kein Schrank, kein Regal, keine Bilder, kein Bett – nichts als eine weiße Matratze mit weißer Bettwäsche. Darin mein weißer Körper. Ich ziehe die Decke über den Kopf, kuschle mich in die 50%-Daunendecke und verschwinde in der himmlischen Kontrastlosigkeit. Einziger Farbklecks sind die leuchtend blonden Haare meiner französischen Freundin, aber selbst dieser Akzent fehlt an diesem Morgen. Aufstehen – alles dreht sich – Cola – aber erst aufs Klo. Vor der Tür zum Bad liegt ein kleiner Perserteppich – mitten auf dem Meisterwerk aus dem 19. Jahrhundert eine kreisrunde Kotzepfütze. Daneben liegt auf frischer Tat ertappt der Übeltäter.

Samstag, 13:00 Uhr
Frauen ist es wichtig, dass man in einer Beziehung über alles redet, solange es nichts Wichtiges ist. “Mischaela aus dem Büro, at schon wieder einen neuen Mantel, dabei at sie sisch erst letzte Woche einen gekauft.” Diese Information ist völlig unwichtig und wird daher mitgeteilt. Dass meine X-Box beim Saubermachen runtergefallen ist, erfahre ich erst als der Kundenservice vom Mediamarkt mir mitteilt, dass derartige Hochtechnologie nicht zum Werfen sei und fragt, was zum Henker ich damit gemacht hätte.

“Isch wusste nicht, dass du damit spielst, isch weiß ja nischt mal was das ist. Ist es kaputt? Ein Buch wäre nischt kaputt gegangen”, piepst es.

“Ist schon gut”, entgegne ich.

“Vielleischt bist du nischt mehr so böse, wenn isch eute die Katze ole.”

“Welche Katze?”

“Ab isch dir nischt gesagt? Isch ole eute die kleine Katze. Wir aben darüber gesprochen.”

Nein, haben wir nicht, nur darüber, dass der Freund von Michaela jetzt fünf Mille im Monat bei PwC macht und dass in Frankreich die Busse, die Kerzen, der Wein, die Betten, die Straßen, die Servietten, die Arbeitsbedingungen, die Luft und selbst die Sonne besser seien als in Deutschland. “Ich will keine Katze. Was soll ich damit? Kein Mensch braucht eine Katze oder einen Hund oder sonst irgendein Tier, außer man hat vor, es zeitnah zu verspeisen.” Zwei Türen knallen. Ich informiere mich im Internet über die Kosten, die ein solches Tier verursacht, um genügend Argumentationsmaterial zu haben. Eine Stunde später steht Marianne mit einer jungen Katze zwischen Pullover und Jacke in der Tür.

“Sie bringt ein wenisch familiäres Gefühl in unser Leben.”

Ich schaue mich in meiner Wohnung um, zwischen Einzelstücken eines befreundeten Möbeldesigners, dem handgeknüpften Teppich und der Couch von BoConcept ist kein familiäres Gefühl zu erkennen, da muss ich ihr Recht geben, schließlich lege ich darauf auch großen Wert. In unserer Wohnung läuft alles nach ‘form follows function’. Mariannes Einrichtungsbeitrag besteht daraus, dass sie Postkarten aus La Rochelle an die Wand klebt, selbstverständlich ohne vorher etwas auszumessen oder sie an etwas auszurichten. Manche davon bekomme ich nur mit einem Dampfreiniger wieder ab.

Ich schlage folgendes vor: “Schatz, wie wäre es, wenn du die Katze den ganzen Tag streichelst und sie dann heute Abend wieder dahin bringst, wo du sie her hast?”

“Die Katze wohnt jetzt ier und wenn du sie nischt aben willst, kannst du misch auch nischt aben.”

Alles klar. Die Tatsache, dass Frankreich über Atomwaffen verfügt, treibt meine Freundin dazu, bei jedem kleinen Konflikt aufs Ganze zu gehen, ohne Verhandlungen, ohne Botschafter, und falls man doch einmal ein schlüssiges Gegenargument vorbringen kann, werden einfach die Regeln des Spiels geändert. Bevor ich meinen Argumentationsbogen auch nur ansatzweise spannen kann, blicke ich in die Mündung einer nuklearen Killerphrase.

“Du könntest ein paar Dinge für die Katze kaufen gehen.” Marianne gibt mir eine Liste und eine Wegbeschreibung zum “Fressnapf”.

Genervt verlasse ich die Wohnung. In Berlin kommen einem öfter Menschen auf der Straße entgegen, die in ihren Selbstgesprächen versunken leise vor sich hinfluchen. Heute fühle ich mich mit dieser Spezies ganz besonders verbunden, denn ich fluche die ganzen 15 Minuten bis zum Laden und frage mich, ob die anderen Fluchenden auch eine Katze oder einen Hund bekommen haben. Das Tierbedarfsgeschäft stinkt nach Trockenfutter und Kaninchen. Um mich herum sinnlose Frauen mit schrecklichen Frisuren, Körpern, denen man ansieht, dass bereits alles egal ist – 120-110-110 – wenn nicht schlimmer. An der Kasse langweilt sich ein Kaugummi kauender Student, alle Angestellten in dem Laden sind jünger als ich – ich hasse es hier.

Ich wähle einen der Grundschüler im Pflichtpraktikum aus, schnalze kurz mit der Zunge und nicke. “Tach, ich suche ein Katzenklo, ein Katzenbett, Katzenminze, Katzenspielzeug, Katzenbürste, Katzenkissen, Katzentrockenfutter, Katzennassfutter, Katzenmilch, Katzenstreu, Katzenbaum und einen Katzenfutternapf.” Mariannes Liste liest sich wie die Zungenlockerungsübung eines Schauspielers.

“Sie brauchen auch noch’n Napf, aus dem die Katze wat trinken kann, da reicht der fürs Futter nicht aus.”

“Dann einen Katzentrinknapf bitte noch.” Ich komme mir vor wie ein Vollidiot. Der kleine Junge mit dem Marzahner Charme packt alles in einen Korb und führt mich zu den Katzenklos. “Die sehen ja nicht so dolle aus. Habt ihr nichts von Colani oder was im Bauhaus-Look?”

“Cohani müsste ick mal kieken, aber ick glaube nicht, dass wir sowas da haben und Bauhaus ist hier nischt, nur OBI, die haben aber keene Katzenklos.”

“Ich nehme das graue mit den grünen Streifen und dem Tribal an der Seite.” Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals einen derartigen Satz sagen werde. Trotz meines männlich bodenständigen Wesens pocht doch das Herz eines Designers in meiner Brust – Agenturfuzzi halt. An der Kasse schlägt man mir vor für all die Utensilien 296 Euro zu zahlen. Ich teile dem Wahnsinnigen mit, dass er die ganze Scheiße bis auf das Trockenfutter wieder einräumen könne, nehme mir eine Fusselrolle aus einem Regal, wo in den Läden, in die ich sonst gehe, Zigaretten stehen und verlasse fluchend das Geschäft – Höhe Bänschstraße gehen mir die Schimpfwörter aus.

In der Wohnung knalle ich das Trockenfutter auf den Tisch, nehme einen Schuhkarton aus dem Papiermüll, schreibe mit einem Stift “Katzenklo” darauf und teile Marianne mit, dass ich nicht vorhätte nach einem Bürgen zu suchen, um den Unterhalt der Katze zu finanzieren. Ich sage ihr ganz klar, dass ein rattanumwickelter Kratzbaum mit einer Holzkiste oben drauf weder zu der blauen Wand noch zu den weißen Lackmöbeln in der Küche passt, dass ich so nicht leben könne und dass, falls sie darauf bestünde, ich hier und jetzt in den Hungerstreik treten würde.

“Übertreib es nischt, obwohl ein Ungerstreik dir ganz gut tun würde. Guck mal, wie süß die Kleine ist… tututu mimimi. Sie braucht einen Namen, ast du eine Idee?” Ich schlage Kackstelze, Wiebke und Medusa vor. Marianne nennt die Katze Minou und mich einen Idioten. “Das mit dem Klo funktioniert so nischt”, sagt sie und verschwindet im Flur. “Das Tier verliert hier Haare und ich glaube auch etwas Kotze”, rufe ich hinterher. Ich hole die Fusselrolle sowie einen Lappen und robbe über das Parkett. Das Vieh kratzt an der Tapete. “Katze, kannst du bitte aufhören meine Kaution zu verbraten?” Um die Effektivität der Fusselrolle zu erhöhen, wende ich sie direkt an der Katze an und werde gekratzt. Ich blute. Wer weiß, was man sich von einem Tier holen kann, dass sich selbst den Arsch leckt. “Sag mal, redest du mit Minou?” Marianne grinst. Ich? Ich rede doch nicht mit einer Katze, ich rede mit mir selbst, mit meinem ehemalig freien Ich, das nie darüber nachgedacht hat, wer sich wie um eine Katze kümmert, wenn ich spontan mit dem Connex nach Warnemünde will.

“Scheiße”, sagt mein altes Ich zu mir, “willst du dir das gefallen lassen? Heute ein Haustier, morgen ein Baby und ehe du dich versiehst, wohnst du in Steglitz, sitzt im Garten und reparierst ein Bobbycar.”

“Ich habe ja auch keinen Bock auf den Mist. Aber es macht Marianne glücklich und sie meint auch, dass es gar nicht so uncool wäre, eine Katze zu haben und dass selbst Elvis eine hatte”, erwidere ich.

“Es gibt auch Leute, die behaupten, dass Elvis tot sei. Wem kannst du heute noch noch glauben, außer dir selbst?”, sagt mein altes Ich und teilt mir mit, dass es jetzt vorhabe sich zu besaufen und ich mitkommen solle.

“Ich kann jetzt nichts trinken gehen, Marianne würde ausflippen.”

“Siehst du? Es hat schon angefangen.”

Ich schnappe mir ein Fuß-Pils und verschwinde ohne mich abzumelden. Auf dem Weg in die “mini.mal”-Bar hält meine Vergangenheit einen Monolog: “Junge, was ist los mit dir, wach mal auf! Du bist gerade mal 33 und gibst hier seelenruhig den Loveboat-Kapitän. Hast du nicht mal gesagt, dass man sich die Namen von Freundinnen frühestens nach einem Monat merken sollte, dass jede Party mitgenommen und jeder Witz gerissen wird – bis einer heult? Warst du nicht der Typ, der gesagt hat, das Wichtigste im Leben wäre immer genügend Kippen und Kondome am Mann zu haben und jetzt sieh dich an: Biohühnchen, Spaziergänge und Paolo Nutini in der Endlosschleife. Früher sind wir nicht vor vier Uhr morgens nach Hause gegangen. Weißt du noch, als du beim ONYX-Konzert in Osnabrück die Flasche Eierlikör gekauft hast, weil die an der Bar nichts anderes mehr hatten? Du hast sie in einem Zug getrunken.”

“Ist ja gut, ich hab’s kapiert.” Ich bestelle bei meinem Freund Robert eine Flasche Eierlikör. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was dümmer ist: In einer Bar 35 Euro für etwas zu zahlen, was im Laden nur fünf kostet, oder auf ex diesen Schleim aus Sahne und Zucker-Ei zu trinken. Ein paar Wodka später ist der gröbste Nachgeschmack verschwunden. Ich versinke in der lauten Musik und in der Kunst an den Wänden, lasse mich vom Destillat durch die Nacht tragen, bis sich fragmentartig Realität und Gegenwart auflösen. Filmriss.

Sonntag, 11:05 Uhr
Das Tier sollte wissen, was so ein Teppich wert ist, schließlich ist sie eine halbe Perserkatze. “Ich hoffe, du hast eine Haftpflichtversicherung.” Im Badezimmer findet das Elend kein Ende, weitere Kotze direkt vor der Badewanne. Allerdings lässt mich neben der Größe der Pfütze noch ein weiteres Indiz an meinem Verdacht zweifeln: Das ganze Bad riecht nach Eierlikör. Während sich Minou schnurrend um meine Beine schlängelt, lese ich die Lippenstift-Nachricht, die auf dem Spiegel über dem Waschbecken steht: “Die Katze und ich haben dich trotzdem lieb. Bin Brötchen holen, bitte mach alles sauber, Marianne”.

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Warschauer-Pakt-Rekord

Sep 2009
05

Berlin Altpapier DDR Satire Autor Kurzgeschichte

(nach einer wahren Geschichte)

In der DDR wurde der Wert von Altpapier mehr zu schätzen gewusst als in der imperialistischen BRD. Das kollektive Sammeln alter Zeitungen war keine ökologische Romantik, sondern staatlich verordnete Pflicht eines jeden guten Ossis, denn im realen Sozialismus waren Rohstoffe Mangelware und die Leidenschaft zur gemeinschaftlichen Problemlösung Bürgerpflicht. Dass wir Papier nötiger brauchten als die in der keimenden Digitalisierung lebenden Wessis, war offensichtlich. Allein mein Onkel Richard hatte einen Papierverbrauch, der sich sehen lassen konnte. Er dokumentierte täglich die Geschehnisse in unserer Nachbarschaft und im Bekanntenkreis mit der Schreibmaschine, um diese in Form von Protokollen zu versenden. Freunde aus der Schule berichteten mir, dass auch sie so einen Onkel oder Vater hätten, und so konnte ich mir den ostdeutschen Tagesbedarf schnell hochrechnen. In der DDR sammelten wir Kinder nicht alleine – man hatte uns als Pioniere organisiert, mit Statuten und Uniformen ausgestattet und täglich von Fleiß und Hilfsbereitschaft erzählt, so waren wir früh gewappnet, mit Holzgewehren im Wäldchen neben der Schule das Töten von Amerikanern zu üben, Rentnern über die Straße zu helfen oder eben Altpapier zu sammeln.

Mein Hemd leuchtete strahlend weiß während des Fahnenappells und der Morgenwind, der das süßlich duftende Aroma des Chemie-Kombinats mit sich trug, ließ mein Pionierhalstuch sanft auf meiner Brust tanzen. Leuchtend rot, in Revolution getränkt und aus 100prozentigem “PAS Gewirke” vom “VEB Annaberger Wäschewerk Kombinat Baumwolle”. Wir Pioniere trugen es mit Stolz oder mit Abscheu, je nachdem, welche Spur die rote Befreiungsarmee in der Familie hinterlassen hatte. Dass in diesem Tuch keine Baumwolle enthalten war, merkte man spätestens am nächsten Morgen, wenn sich kleine nasse Pusteln an den Stellen bildeten, an welchen man Hautkontakt mit dem Tüchlein hatte. Beim Appell trugen alle ihre Pionier-Uniform. Die Thälmannpioniere ein weißes Hemd mit rotem Halstuch, die Jungpioniere ein weißes Hemd mit blauem Tuch und die Großen von der Freien Deutschen Jugend ihr blaues FDJ-Hemd. So standen die Schüler der POS Marzahn in aus Klassen bestehenden Blöcken auf dem Hof und warteten auf die Show. Immer drei Schüler hintereinander, meist nach Größe geordnet und mit Stullen und Äpfeln darauf vorbereitet, eine dreiviertel Stunde in der prallen Ost-Hitze zu stehen. Wenn eine befreundete Schule aus der Tschechoslowakei ein paar Schüler nach Berlin geschickt hatte, um eine Rede auf tschechisch zu halten, die keiner verstand, konnte der Applell auch schon mal doppelt so lange dauern. Ofmals ist dann schon nach 60 Minuten einer der 17 Ronnys an unserer Schule in Ohnmacht gefallen und sorgte mit seinem Kollaps für allgemeine Erheiterung. Die Augen verdrehten sich und man sah nur noch das Weiße. “Still gestanden”, peitschte der Lehrer über die Köpfe. Ronny lag auf dem Asphalt und verlor die Gewalt über seinen Schließmuskel.

Wer sein Halstuch oder sein weißes Hemd vergessen hatte, musste nach hinten. Ich stand oft hinten. Es wurde die Hymne gespielt, Schüler trugen Fahnen über den Hof und Lehrer brüllten Befehle in die Menge, dass es eine reine Freude für jeden militanten Schweinehund war. Jede Klasse hatte einen Gruppenratsvorsitzenden, eine Art Klassensprecher wie im Westen, allerdings noch unbeliebter und mit erniedrigenden Aufgaben betraut. Der Gruppenratsvorsitzende meldete dem Freundschaftsratsvorsitzenden nach rechtwinkligem Heraustreten aus der Pioniergruppe die Anwesenheit seiner Klasse. “Freundschaftsratsvorsitzender Lohmann, ich melde die Klasse 7a ist vollzählig zum Fahnenappell angetreten.” Nach ein zwei Liedern, die heute bestimmt verboten sind, wurden einige wenige Schüler für ihre Leistungen im Unterricht oder für Heldentaten in ihrer Pionierfreizeit ausgezeichnet. Entweder hatten sie einen Freund denunziert, der am Dienstagmorgen auf dem Hof wild gestikulierend und mit Mundgeräuschen untermalt die montägliche “Colt Seavers”-Folge nachspielte, oder sie hatten überdurchschnittlich viel Altpapier gesammelt. Mein Name war nie dabei, denn ich mochte “Colt Seavers” und sammelte nie Papier. Meine Devise: “Bloß nicht durch Fleiß auffallen, bloß nicht zu pioniermäßig sein”, denn die Tugenden, welche die Lehrerschaft glücklich machten, waren gänzlich unbeliebt bei den Mädchen und ich mochte Mädchen.

Nach dem Appell rief mich der Direktor wie gewöhnlich zu sich ins Lehrerzimmer. Neben ihm saß René, unser “Altpapierverantwortlicher”. Renés Daseinsberechtigung bestand allein darin, die Altpapiersammlungen der einzelnen Schüler zu wiegen, zu protokollieren und zu melden. Mein Name war bisher nicht dabei. Nicht ein einziges Mal in sieben Jahren. “Benjamin, René hat mich in seiner Aufgabe als Altpapierverantwortlicher darauf hingewiesen, dass Du immer noch kein Altpapier in die Schule gebracht hast. Nicht ein einziges Kilo in sieben Jahren. Du weißt, wie wertvoll die Rohstoffe für unsere Republik sind, und dass es deine oberste Pionierpflicht ist, dein Land zu unterstützen. Dein Klassenkollektiv würde es bestimmt begrüßen, wenn Du im nächsten Monat das Altpapier von zu Hause mit in die Schule bringst. Wenn jeder Pionier so wie Du handeln würde, hätte der Klassenfeind leichtes Spiel, seine konterrevolutionären Ziele durchzusetzen. Nimm Dir ein Beispiel an René, er hat im letzten Monat 23 Kilo gesammelt.” René grinst bis über beide Ohren. Er war wie ich in Anna verliebt. Ich war mit ihr Eis essen, das stank ihm und nun pisste er mir an den Karren. Als ich aus dem Lehrerzimmer kam und an den Haken vorbei lief, an denen alle Schüler ihre Jacken aufhingen, nahm ich Renés Anorak und stopfte ihn in den Mülleimer auf dem Gang.

Am nächsten Morgen nahm ich die alten Zeitungen aus dem Zeitungsständer meines Vaters, schnürte ein handliches Paket und versah es mit meinem Namen. Im Klassenzimmer legte ich es René auf den Tisch und ließ 2,4 Kilo Altpapier unter meinem Namen eintragen. Renés Jacke roch nach Apfel mit Salami und sein Blick versprühte tiefen Hass. “Morgen kriegst Du mehr”, sagte ich zu ihm und setzte mich neben Anna. Die darauffolgenden Tage brachte ich Altpapier mit, massenhaft, ich klapperte meine Verwandten und die Nachbarn ab, sammelte auf der Straße und durchwühlte die Müllcontainer im Hinterhof. Ich hatte einen Plan. Ich wollte so viel Altpapier sammeln, dass ein für alle Mal Ruhe ist, René das Grinsen aus dem Gesicht fällt und der alte Schulle mir eine Urkunde geben muss. Das Projekt gestaltete sich allerdings schwieriger, als ich gedacht hatte. Nach einigen Tagen war ich gezwungen neue Quellen zu erschließen. Nachdem ich verzweifelt versucht hatte, ein paar Bücher aus der Bibliothek bei René wiegen zu lassen, verkaufte ich eine BRAVO, zwei Beatles-Platten und einen zerfledderten Sartre auf dem Schwarzmarkt hinterm Alex für 234 Mark. Davon kaufte ich mir 1560 Mal die Berliner Tageszeitung und schleppte sie in die Schule. Am 30. April 1987 war es so weit: Neben meinem Namen standen sage und schreibe 271,3 Kilo Altpapier, zertifiziert, gewogen und protokolliert vom Papp-René höchstpersönlich. Das gab’s noch nie. Klassenrekord, Schulrekord, Landesrekord und in dieser Disziplin wahrscheinlich sogar Weltrekord (zumindest Warschauer-Pakt-Rekord). Meine Klassenlehrerin Stepanski und Direktor Schulze waren außer sich, als René am Monatsende mit knirschenden Zähnen seine Liste abgab.

Beim nächsten Fahnenappell war es dann soweit, Herr Schulze klopfte mit zwei Fingern auf das Mikrofon und nannte irgendwann zwischen den Worten “Vorbild”, “Arbeiterklasse”, “Frieden” und “Sozialismus” meinen Namen. Ich trat rechtwinklig aus meiner Pioniergruppe heraus und marschierte auf den Freundschaftsratsvorsitzenden zu. Man feierte und beglückwünschte mich. Zwei Tschechen sangen ein russisches Lied über Bäume und der Direktor überreichte mir die Urkunde, die meine spontane Sammelleidenschaft unvergesslich und mich unantastbar machte. Alle Ronnys hielten durch.

Ich habe danach nur noch ein einziges Mal Altpapier abgegeben. Ich faltete meine Urkunde zu einem kleinen, süßen Päckchen zusammen und ließ 32 Gramm meinem Namen gutschreiben. Mein 271,3 Kilo-Rekord blieb lange Zeit ungebrochen. René gab im September 1990 311 Jugendweihe-Exemplare von “Der Sozialismus – Deine Welt” in die Altpapiersammlung. Drei Tage später war der Spuk vorbei.

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Der mit dem Turm tanzt

May 2009
03

Jeden Tag, wenn ich zur U-Bahn-Station Samariterstraße laufe, werfe ich einen grüßenden Blick Richtung Fernsehturm und verspüre ein tiefes Gefühl der Geborgenheit, wenn er zurücklächelt und mir einen guten Morgen wünscht. Es gibt Tage, die neblig sind, verregnet oder verschneit und an denen ich den Turm aus der Ferne nicht sehen kann. Ich halte kurz inne, kneife die Augen zusammen und konzentriere mich darauf, eine Kontur, einen Schatten oder das rote Blinken auf der Spitze der Antenne auszumachen, um die Gewissheit zu erlangen, dass er noch da ist. Heute ist einer dieser Tage, an denen ich die Augen zukneife und sie zu derart messerscharfen Schlitzen verforme, dass Passanten mich ansprechen, um bei mir zollfreie Zigaretten zu kaufen.

Ich kann den Fernsehturm heute nicht sehen – nur weiße Suppe, die sich zähflüssig wie meine Laune durch die Stadt schlängelt und mir jede Sicht nimmt. Unter diesen Umständen muss die Berliner Wirtschaft ohne mich zurechtkommen. Ich mache kehrt, melde mich in der Agentur krank und stapfe durch die nassen Schneereste zurück zu meiner Wohnung. Im Flur begrüßt mich die altbekannte Leere, die meine Exfreundin hinterlassen hat. Die Küche ist seit Monaten nicht benutzt worden, der Fernseher und der Staubsauger auch nicht. Ich brauche eine Mitbewohnerin bevor die Staubflusen beginnen mit mir zu reden oder ich mit ihnen. Eine Frau sollte es sein, mein Antityp, nach Möglichkeit unattraktiv, mäßig gebildet, mit festem Einkommen, kleinem Freundeskreis und kurzen blonden Haaren – die sieht man nämlich nicht auf den weißen Fliesen meines Badezimmers. Falls es diese Kombination nicht gibt, würde ich alternativ auf ein nymphomanisches, südamerikanisches Model mit Lockenwald und oberflächlichen Deutschkenntnissen wechseln. Dazwischen gibt es für mich im Grunde keinen grauen Bereich.

Um die Sache schnell abzuwickeln, beschließe ich sofort eine Anzeige bei “WG-Gesucht” einzustellen. Ich mag keine Fremden im meiner Wohnung und schreibe daher: “WG-Zimmer frei, mit allen Extras, 22 Quadratmeter, Mitbewohnerinnen-Casting jeden Abend ab 21:00 Uhr auf der Couch im Wein-Salon/Schreinerstraße.” Da ich dort sowieso täglich verweile, muss ich mich nicht unnötig bewegen und kann das Bewerbungstreiben mit einem Glas Wein illustrieren. Am gleichen Abend sitze ich auf der besagten Couch und tatsächlich biegt nach wenigen Minuten die erste junge Dame in das versiffte Räumchen des ehemaligen Frisörs, um sich mir vorzustellen. Katja aus Greifswald verbringt mehr Zeit auf der Sonnenbank als im Bett und wenn sie doch einmal im Bett landet, dann nicht in ihrem eigenen. Als ich sie nach ihren Hobbys frage, sagt sie: “Ich lutsche gerne Kinderschokolade bis das Weiße kommt.” “Next!” rufe ich. Wie gesagt, Nymphomanin gerne, aber wenn, dann bitte mit Exklusivrechten.

Eine Sekunde später kommt Marina, pfiffiger dunkelblonder Kurzhaarschnitt, ein Gesicht wie eine zusammengepresste Milchtüte, Studentin der Soziologie, durchaus solvent, Putzfimmel und eigentlich aus Kiel. Wow, die ist perfekt. Ihre Optik ist dafür verantwortlich, dass ihr Freundeskreis sich auf ihre ehemalige Babysitterin und eine dicke Kommilitonin beschränkt – ich sehe einer ruhigen gemeinsamen Zukunft entgegen und präsentiere ihr einen Zettel mit WG-Regeln und Nebenkostenabrechnung. Völlig verstört lässt sie mich wissen, dass sie überhaupt kein Zimmer sucht, sondern dachte, der Platz auf dem Sofa wäre frei und ich an ihr interessiert. Ich fühle mich trotz Gesichtsinkompatibilität geschmeichelt, kommentiere dies aber mit einem durch ein Lächeln untermaltes “Next”.

Regula – um die vierzig erscheint in der Kleidung einer indischen Bollywood-Tänzerin und platziert ihren riesigen Hintern auf die Couch. Sie hat ein Tuch mit einem Baby um ihren Bauch gewickelt, ein Tuch um die Hüfte und eines um Stirn, um die mit Holzperlen versehenen Dreadlocks aus ihrem Holunderbeersaft zu halten. Mit einem fünfjährigen Jungen an der Hand, dessen Hose mehr dreckige als saubere Stellen hat, sitzt sie mir gegenüber und starrt mich erwartungsvoll an. “Äh, ich dachte eher an eine einzelne Person. Das Zimmer eignet sich nicht wirklich für mehrere”, sage ich. “Als ich in Südamerika gelebt habe, waren wir manchmal bis zu zehn Menschen in einem Raum”, gibt sie mir zu wissen. Ihr Erstgeborener nippt an meinen Bordeaux, seine Mutter kommentiert dies durch ein auf die letzte Silbe betontes: “Steveeeen!”, ein Speicheltropfen rinnt an der Innenseite des Glases herab. “Next.”

Man ist doch immer wieder erschrocken, wie unterschiedlich die Menschen sind. Nach einer halben Dekade in diesem Bezirk reduzierte sich meine Toleranz auf einen Rest, der wie aus einer für die meisten bereits leeren Zahnpastatube mit vollem Körpereinsatz rausgequetscht werden muss, um das alles hier zu ertragen. Ich gehe zur Theke, um mir ein neues Glas zu holen. Wie aus dem Nichts und von mir auf die Wirkung des Weins geschoben, erscheint meine Ex vor meinen Augen und sieht mich irritiert an. “Du? Ich dachte… Man konnte… Also wegen der Anzeige… Du bist das… Ähm…”, stammelt sie. “Next.” sage ich und werfe noch ein etwas lauteres “Next!” hinterher. Das wäre ja ein interessanter Plot, wenn am Ende einer solchen Geschichte, der Grund für die Ausgangssituation wieder in die Wohnung einziehen und sich der Kreis schließen würde. Aber seit der Trennung haben sich Dinge und Menschen geändert und nichts wird/bleibt und ist wie es war. Denn das Leben ist kein Groschenroman und überrascht permanent durch unendlichen Facettenreichtum.

Als mein Bordeaux mit mir am Stiel zum Casting zurückkehrt, sitzt ein Mann auf der Couch – gutaussehend, Sakko, Sneakers, mit der Frisur James Deans über einem leicht angenervten Gesicht. Dass der Typ aus dem Ruhrgebiet kommt, sehe ich sofort an seiner Körperhaltung und dem Blick der Überlegenheit, den die Jungs dort gerne abends spazieren führen. Sein Name ist Mark und er macht auf Producer im Bereich Imagefilm, nebenbei schreibt er ein Drehbuch für die Filmidee, die er schon seit Teenagerzeiten mit sich herumschleppt. “Wer macht das nicht in Berlin?”, sage ich zu ihm und lese ihm ein paar Zeilen aus meinem Drehbuch für “Friedrichshain vs. New York” vor. Außerdem schreibt er einen Blog, wettert gegen Mitte – obwohl er selbst ganz schön “mitte” ist, hält sich für einen Gourmet, der nur nach Berlin gekommen ist, um mal was Ordentliches zu essen zu bekommen, und knallt sich in der halben Stunde, in der wir uns unterhalten, drei Gläser Wein in den von Pasta gezeichneten Körper. Komischer Typ. Ich überprüfe kurz, ob ich vor einem Spiegel sitze – nee, den gibt es wirklich und ich frage mich, ob es dort, wo der herkommt, noch mehr gibt. Ich teile dem Klon mit, dass ich mit mir selbst nicht zusammenwohnen möchte und dass meine Ex das ja auch nicht mehr wolle, und wir waren uns ja auch so ähnlich, und dass das wohl ein fehlerhaftes Konzept sei. “Abgesehen davon suche ich eine Frau”, sage ich. “Wer macht das nicht in Berlin?”, pariert Mark und setzt sich – mir zuprostend – an die Theke zu zwei spanischen Sextouristinnen.

Als ich vom Klo komme, grinst ein süßer Traum in Blond von der Casting-Rampe. “Servus, i bin d’Marion aus Minga, i hob glesn, dass’d a Mitbewohnerin suachst.” “Hä?”, entgegne ich und lächle debil. Man, jetzt ist die Gentrifizierung schon in meiner Straße angekommen. Als das Frauenfitnessstudio in der Nachbarschaft aufgemacht hat, habe ich es bereits geahnt. Nun kommen sie in Scharen. Es war auch illusorisch zu glauben, ich wäre der einzige Zugezogene in der Gegend. Ich fühlte mich auf einmal ein wenig wie Kevin Costner in “Der mit dem Wolf tanzt”, der die undankbare Aufgabe hatte, den Indianern vorsichtig klarzumachen, dass noch mehr Weiße ins Land kommen werden und dass das so viele sein werden, wie es Sterne am Himmel gibt. Was habe ich geschimpft, gemeckert und gevorurteilt und nun sitze ich hier als Verräter an meinen indianischen Freunden, die mich gerade erst in ihr Herz geschlossen haben, feilschend mit der süßen Siedlerin um die Pacht für eine Welt, die mir nicht gehört. Es dauert keine fünf Minuten, bis sie mich mit ihren Glasperlen um den Finger gewickelt hat, und da die Münchnerin über ein Sexappeal verfügt, dass selbst Uschi Obermaier vor Neid aus dem Stand zu flennen beginnen würde, muss ich das Angebot einfach annehmen. Untermietvertrag mit drei Kreuzen und einem Fingerabdruck aus Blut versehen – schon ist alles in trockenen Tüchern und die Hochzeit kann kommen, denn nicht nur ich habe meinen Verstand gegen eine Schüssel voll Götterspeise getauscht, auch sie ist benebelt vom exotischen Charme, der von einem Wahlberliner mit fünfjähriger Kiezerfahrung ausgeht.

Seit Marion bei mir eingezogen ist, kann ich jeden Tag den Fernsehturm sehen, weil direkt über unserem Bett ein großes Foto von ihm hängt. Irgendwie hat dann wohl doch der Groschenromanautor ein Happy End in dieses Kapitel geschrieben und Gott sei Dank darauf geachtet, dass man ihre Haare nicht auf den weißen Fliesen sehen kann.

Klar, dass ich bei einer aus München einen Hunni auf die Miete draufgeschlagen habe, so viel Verstand ist mir trotz der ganzen Zuckerwatte im Kopf noch geblieben. Sie findet es immer noch günstig.

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